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Das traurige Ende des Policarpo Quaresma Lima Barreto:
Das traurige Ende des Policarpo Quaresma

Übersetzt, mit Anmerkungen und einen Nachwort von Berthold Zilly

Ammann
336 Seiten

€ 21,90



Bei manchen Klassikern der brasilianischen Literatur wundert man sich, dass sie nicht schon längst ins Deutsche übertragen wurden, zu ihrer Zeit oder spätestens damals, als der andere große Klassiker Machado de Assis nach und nach und von verschiedenen Übersetzern in der BRD und der DDR dem deutschsprachigen Publikum zugänglich gemacht wurde. Doch schon das grandiose Schlüsselwerk »Os Sertões« von Euclides da Cunha musste bis 1994 warten, um in der Übersetzung von Berthold Zilly endlich in Deutsch zu erscheinen.

Nun hat Zilly Lima Barreto ins Spiel gebracht, von dem bislang ganze zwei Erzählungen in deutscher Übersetzung und in längst vergriffenen Antologien vorlagen. Und wie schon bei der hochgelobten Übertragung der »Sertões« wurde auch die Übersetzung von »Das traurige Ende des Policarpo Quaresma« sorgfältig ediert, mit historischen Anmerkungen und einem literaturwissenschaftlichen Nachwort versehen, was die Ausgabe auch für Brasilianisten wertvoll macht, zu deren Pflichtlektüre der Klassiker zweifellos gehört.

Doch es versteht sich, dass das Buch auch außerhalb des universitären Spektrums von höchstem Interesse ist und trotz der historischen Thematik kein bisschen angestaubt daher kommt.

Voll Ironie schildert Lima Barreto den Werdegang des glühenden Patrioten Policarpo Quaresma, der besessen von der Idee der Überlegenheit seiner Nation, alles »unbrasilianische« in seiner Umgebung durch genuine Elemente zu ersetzen versucht. Schier verzweifelt über die Begeisterung seiner Landsleute für Europa, beschäftigt er sich mit der Volkskultur im urbanen Rio de Janeiro, entdeckt die »modinha« als musikalische Äußerung Brasiliens und feiert zunächst auch einige Erfolge in den bürgerlichen Salons. Doch mit der Musik, deren portugiesisch-afrikanische Wurzeln nicht zu verleugnen sind, kann sich Quaresma schließlich nicht zufrieden geben. Seine erste große Niederlage erlebt er mit dem Antrag an das brasilianische Parlament, die »einzig wahre« wirklich brasilianische Sprache, das tupi-guarani zur Staatssprache zu erklären. Da er fortan auch offizielle Schriftstücke in dieser Sprache verfasst, wird er als Beamter schließlich vom Dienst suspendiert und zieht sich auf ein Landgut am Rande der Hauptstadt zurück, das er mit glühendem Eifer in ein Mustergut tropisch-brasilianischer Landwirtschaft zu verwandeln versucht. Natürlich scheitert er. Allerdings nicht nur an den natürlichen Gegebenheiten, die eben nicht so paradiesisch sind, wie sie die ersten Chronisten der Kolonialzeit in ihrem Überschwang ausmalten.
Gleich den Blattschneiderameisen, die seine Pflanzungen mit Macht niedermetzeln, sieht sich der naive Eiferer mehr und mehr auch von politischen Intrigen umstellt, deren Dynamik er in seinem Enthusiasmus nicht begreift.

In vollkommener Selbstüberschätzung schlägt er sich schließlich anlässlich der Marinerevolte von 1893 auf die Seite der rechtmäßigen Regierung und feiert mit ihr den Sieg über die Rebellen. Doch in dem Panoptikum der politischen Opportunisten, Operettengeneräle und Trittbrettfahrer, deren Profil Lima Barreto mit genüsslicher Akribie zeichnet, bleibt der aufrechte Quaresma ein Sonderling und landet folgerichtig selbst im Kerker, der von ihm verehrten legitimen Regierung.

Bei aller Überzeichnung ist der Roman auch ein Lehrstück über Politik und gesellschaftliche Dynamik, das seine Aktualität seit seinem Erscheinen im Jahr 1915 kaum verloren hat.

mk
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