september / setembro
2002 |
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Der mächtige Sound-Diskurs Ein Interview
mit »O RAPPA«
Tübingen
- Erst sind sie in Montreux
aufgetreten >s. Bericht in dieser Ausgabe
der novacultura <, eine Woche später dann ließen sie die
Bühne auf dem Viva Afro Brasil Festival in Tübingen wackeln. Felipe
Tadeu, Landsmann der Gruppe aus Rio de Janeiro, hat die Gruppe bei ihren
Auftritten in der Schweiz und in Deutschland begleitet. In Tübingen
interviewte er O Rappa über ihre Eindrücke auf dem »Alten
Kontinent«.
Felipe Tadeu Wir sollten beginnen mit eurem Eindruck von der
Europa-Tournee 2002. Ist etwas dabei rübergekommen?
Falcão Ganz sicher. Diese Tour durch Europa ist ganz
im Einklang mit unserer bisherigen Laufbahn. Wir hatten das Glück, von
Cláudio, einem Freund von Alexandre Santos (einem der Produzenten
von O Rappa), der vorher mit den Paralamas hier in Europa gearbeitet hat,
eingeladen zu werden, und er hat es uns ermöglicht, hier ein paar Sachen
zu versuchen. Wir sind hierhergekommen, um die Band bekannt zu machen, und
alles begann in Montreux, wo wir auf einem ganz untypischen Konzert gespielt
haben, mit bahianischer axé-music (Daniela Mercury und Harmonia do
Samba) und das Publikum uns ganz gut aufgenommen hat. Dann haben wir in Mailand
weitergemacht, in Bologna, Lugano, und jetzt sind wir hier in Tübingen.
Die Möglichkeit, mit ehrlicher Musik zu arbeiten, die aus dem Herzen
kommt, eröffnet sich an vielen Orten, und hier zu sein ist ein Traum.
In Mailand gespielt zu haben und hier in Deutschland war sehr gut, unsere
Konzerte haben dieselbe Energie rübergebracht, wie die Konzerte in
Brasilien.
FT Aber es ist nicht das erste Mal, dass ihr in Europa auftretet,
oder?
Falcão Nein, das erste Mal war während der
Fußballweltmeisterschaft 1998, in Frankreich und Portugal. Da
gab es eine Menge brasilianischer Musiker, die damals hier gespielt haben,
doch alles hing ab vom Ergebnis der brasilianischen Nationalmannschaft. Brasilien
hat verloren, und es war ziemlich merkwürdig, da wir vor allem für
ein brasilianisches Publikum spielen mussten. Jetzt ist es anders, wesentlich
interessanter. In Montreux, zum Beispiel, haben nach uns João Bosco
oder Dona Ivone Lara gespielt. Wunderbar, solche Leute zu treffen, die im
Ausland derart geachtet werden! Wir bei O Rappa wollen genau das, was
sie auch wollen: Gute brasilianische Musik vorführen.
FT Wie laufen die Vorbereitungen für die nächste
Platte?
Falcão Nun, das erste, was wir tun wollen, ist die Arbeit
im Studio wiederaufzunehmen, vor allem in der Situation, in der sich Marcelo
Yuka derzeit befindet (der Schlagzeuger und wichtigste Komponist der Band
ist seit einer Schussverletzung querschnittsgelähmt Anm.d.Red.). Er
hat einen Krankengymnasten, der mit ihm reist, sitzt im Rollstuhl, es
gibt einen Haufen Dinge, auf die man sich einstellen muss, damit er weiter
dabei sein kann. Das ist eine neue Situation für die Band. Seit
ungefähr zwei Monaten treffen wir uns wieder regelmäßig,
um die Bänder anzuhören, die wir in der Zeit von »Lado B,
Lado A« aufgenommen haben. Yuka ist immer dabei, jetzt, wo er den Dingen
offener gegenübersteht. Wir sind am Anfang von einer Sache, die sich
ganz gut anlässt. Und in der Zeit von »Lado B, Lado A« ist
etwas passiert, das ganz ähnlich jetzt auch geschieht: je lockerer wir
mit der Zeit umgegangen sind, desto besser ist unsere Platte geworten. Wir
müssen die Arbeit wirklich mögen, bevor wir sie auf den Markt
werfen.
FT- Habt ihr schon eine Idee, wer der Produzent eurer nächsten
Platte sein wird?
Falcão- Es hat eine ganz gelungene Zusammenarbeit mit Tom Capone
gegeben, der eine Zeit lang künstlerischer Leiter bei uns war, aber
auch so eine Art Schildträger. Wir fünf von der Band und er; ein
Kerl, der sich in die Arbeit einmischen darf und den wir anhören. Sicher
wird Tom eine größere Rolle in der nächsten Produktion
spielen. Daneben werden wir selbstverständlich noch andere Leute
einladen, wie zum Beispiel Bill Laswell (der auch bei »Lado B, Lado
A« mit dabei war). Unsere Zusammenarbeit war sehr gut.
FT- Und eure Plattenfirma. Setzt sie noch auf die Karriere von O Rappa?
Sind sie zufrieden mit dem Verkauf eures letzten Albums »Instinto
Coletivo?«
Falcão- Bevor wir auf Europatournee gegangen sind, ist der
Direktor der Plattenfirma ins Studio gekommen und hat uns von der großen
Überraschung erzählt. Es gibt ein Mädchen, das in Brasilien
singt, Kelly Key, die mit ihrer Platte die Hitparaden abgrast und 190 000
Exemplare verkauft hat von einer CD die zwischen 15 und 19 Reais kostet,
und unsere Band, mit diesem sauteuren Doppelalbum hatte schon 150 000. Wir
sind glücklich mit diesen Zahlen, denn dadurch baut auch die Plattenfirma
auf O Rappa, zumal die nächste Platte noch etwas auf sich warten
lässt. Erst müssen wir uns auf die neue Zusammenarbeit mit Yuka
einstellen, müssen Geduld haben, um die nächste Produktion zu beginnen
und bis dahin mit »Instinto Coletivo« durch Brasilien reisen.
FT- Das heißt, ihr arbeitet mit der letzten Platte zumindest
noch bis Ende des Jahres?
Falcão- Wir hatten geplant, eine kleine Pause einzulegen, wenn
wir aus Europa zurück sind. Aber, was soll's, unser Terminkalender ist
voll mit Konzerten, vier Abende pro Woche mindestens bis Ende September.
Das heißt, August und September sind für Konzerte verplant, im
November gehe ich nach Frankreich, damit meine Frau ihr erstes Kind dort
bekommt.
FT- Alle Bandmitglieder haben eine starke Affinität zum Reggae.
Was haltet ihr von »Kaya N'Gandaya« der Hommage von Gilberto Gil
an Bob Marley?
Falcão- Darüber kann ich dir was erzählen! Tom Capone
ist mit Gil gereist, als eine Art Spion von uns, um sich bei den Typen umzusehen,
die schon mit Liminha und mit Gil bei anderer Gelegenheit gearbeitet hatten.
Ich meine Sly Dunbar und Robbie Shakespeare, die beste Drum- and Baseküche
der Welt. Die Kerle sind gewitzt, sie stammen noch aus der Zeit der
Höhlenmenschen, haben viel mit uns zu tun und spinnen nicht rum, dass
die Technik das Ende der Welt sei, verstehst du? Wir haben rausgefunden,
dass die Typen nicht viel Geld wollen, wenn du mit ihnen aufnimmst, und das
ist gut zu wissen. Nun, das wichtigste ist, dass die Platte von Gil wunderbar
geworden ist! Sowohl die Platte als auch die Show, die ich zum Glück
erleben durfte, sind phantastisch. Er in seinem Alter, geachtet in Brasilien
und im Ausland ist eine Ikone unserer Kultur, was die Musik angeht. Auch
wenn einige Leute dieses neue Album kritisiert haben, ist es doch unstrittig,
dass nur ganz wenige Leute es sich erlauben können, Bob Marley zu singen.
Und Gil ist einer davon. Er ist ein Musiker, der sich immer mit jungen Leuten
umgibt, während die anderen in ihrem eigenen Saft schmoren. Gil ist
einer der offensten Kerle in Brasilien, und daher kommt mein Respekt für
seine Person.
Felipe Tadeu
brasilkult@aol.com
In Zusammenarbeit mit Gisela Pimentel
Übersetzung: Michael Kegler |
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Felipe
Tadeu, 39,
ist Journalist und lebt seit 1991 in Deutschland. Er ist spezialisiert auf
brasilianische Musik. Für Radio Darmstadt produziert er
regelmäßig die Sendung Radar Brasil und ist auch unter dem Pseudonym
DJ Fila bekannt.
email:
brasilkult@aol.com
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