O Rappa
in Montreux
der mächtige Diskurs des Sound
Montreux,
Schweiz - Bei der Eröffnung der ersten brasilianischen Nacht des
diesjährigen Montreux Jazz Festivals deutete wenig darauf hin,
dass einige Minuten später O Rappa auf die Bühne kommen
sollten die Band, die derzeit gemeinsam mit Racionais MC die
politisch-musikalische Bewegung im brasilianischen Pop anführen.
Man stelle sich folgende Szene vor: Zehn folkloristisch gekleidete Schweizer
betreten die Bühne, lassen riesige Kuhglocken klingeln, als wollten
sie Milchvieh zurück in den Stall treiben. Das Publikum ist irritiert
von dem absurden Spektakel, die Störenfriede ziehen sich etwas linkisch
zurück, erschrocken von dem tobenden Publikum. Claude Nobs
sympathischer Mentor und Hauptverantwortlicher für den Abend
und der brasilianische Produzent Daniel betreten die Bühne, um das Programm
zu eröffnen. Claude trägt ein Hemd der brasilianischen
Nationalmannschaft mit vier Sternen darauf. Daniel protestiert, und auf den
Großbildschirmen des Auditorims Stravinski flimmern Szenen von der
Fußballweltmeisterschaft. Die wunderbaren Momente von Ronaldinho
Gaúcho gegen England, die Tore Ronaldos im Finale gegen Deutschland
und Rivaldos Tricks lassen das Publikum toben. Das ist das Signal für
den Auftritt von O Rappa, die von da an den Spieß umdrehten und ein
Brasilien vorführten, das weit weg ist von allen Klischees.
Die Gruppe begann sofort
mit dem für sie charakteristischen schweren Sound voller Dubs,
Verbindungen von Hip Hop, Samba, Reggae, Rock, und erst allmählich gelang
es, die Vorbehalte derer zu überwinden, die etwas mehr Musikalität
erwartet hatten und wegen der anderen Attraktionen des Abends, Daniela Mercury
und Harmonia do Samba gekommen waren. Der Vokalist Falcão war in bester
Verfassung und gab alles bei »Cristo e Oxalá«, »Todo
Camburão Tem um Pouco de Navio Negreiro« und »O Homem
Bomba«. Seine Kleidung hatte nichts brasilianisches an sich, eher
ähnelte er damit einem jamaikanischen Mitglied der Red Hot Chilli Peppers.
Und wenn er sich an das Publikum wandte, dann nicht in Portugiesisch. Aber
das vermisste auch niemand. Falcão wußte wohl, wer die Musiker
waren, die da mit ihm auftraten, und welchen Sound er zu verteidigen hatte.
»Es war ein vollkommen untypischer Auftritt« sagte später
der Bassist Lauro Farias. »Wir haben gespielt, als seien wir
zuhause.«
Dann kamen »Lado B, Lado A«, »A Minha Alma«, »Vapor
Barato« und »Homem Amarelo«, bei denen Thomas Hirtt ein unruhiges
Licht verbreitete und damit das Thema der sozialen Ungleichheit, das im Werk
der Rappa stets präsent ist, in gebührender Schärfe
unterstrich.
Der Schlagzeuger, Texter
und Bandleader Marcelo Yuka konnte wegen einer Physiotherapie in Brasilien
nicht dabei sein und stieß erst kurz vor Schluss der Tournee auf
dem englischen Womad Festival wieder dazu.
Der Auftritt in Montreux
war Startschuss zur ersten großen Tournee der Gruppe durch Europa.
Zwanzig Tage Tour durch den sogenannten alten Kontinent, durch Italien,
England, Deutschland und die Schweiz. Im Gegensatz zu Cidade Negra, die ebenfalls
aus der in Rio der achtziger Jahre entstandenen Reggae-Afro-Szene stammen,
haben O Rappa allerdings keine großen Ambitionen auf dem
außerbrasilianischen Markt. »Brasilien ist groß genug«
sagen sie.
Felipe Tadeu / Gisela Pimentel
brasilkult@aol.com
|