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Ruth Tobias:
Der Sebastianismo in der portugiesischen Literatur des 20. Jahrhunderts


TFM
344 Seiten

EUR 30,--


Der Sebastianismo, die Hoffnung auf die Rückkehr des 1578 im marokkanischen Alcácer-Quibir verschollenen Königs Sebastião, hat wie kein anderer Mythos die portugiesischen Vorstellungswelten geprägt. Kaum ein Stoff wurde und wird im Land selbst derart kontrovers diskutiert wie der portugiesische Erlösermythos. Seit nunmehr über vierhundert Jahren ist der »ponto supremo do espírito português« im kollektiven portugiesischen Gedächtnis präsent. Er erscheint in den unterschiedlichsten Sinnzusammenhängen: Der Sebastianismus steht für ein historisches Ereignis, einen messianischen Glauben, eine portugiesische Charaktereigenschaft, einen psychologischen Kompensationsmechanismus, eine politisch-ideologische Diskussionsgrundlage, ein mythisches Deutungsschema nationaler Geschichte und ein Symbol nationaler Identität. Die vermeintliche Lethargie der Portugiesen wird ihm zugeschrieben, ihre Wundergläubigkeit, ihre Rückwärtsgewandtheit, ihre Sehnsucht nach dem vergangenen Status als Entdeckermacht, ihr Leben zwischen Vergangenheit und Zukunft – aber auch ihre enorme Anpassungsfähigkeit und ihre Befähigung, sich in Krisenzeiten nicht aufzugeben und die Hoffnung auf bessere Zeiten zu bewahren. Als Ausdruck nationaler Identität erscheint der Sebastianismus immer dann in der gesellschaftlichen Diskussion, wenn die nationale Existenz als bedroht empfunden wird und die Zukunft des Landes sowie seine Rolle auf der Weltbühne in Frage gestellt werden.

Damit ist der Mythos vor allem Ausdruck des portugiesischen Geschichtsverständnisses, der Art und Weise, wie die Portugiesen sich selbst und ihre Vergangenheit sehen und verstehen. Vermutlich ist diese Funktion der Strukturierung und Aktualisierung des kulturellen Gedächtnisses der Grund dafür, daß der Sebastianismus sich gegenüber anderen abendländischen Erlösermythen einen Sonderstatus als bedeutendes Element der portugiesischen Kulturgeschichte bis zum heutigen Tag bewahrt hat – eine Tatsache, die sich aus der Besonderheit des portugiesischen Geschichtsverlaufes ergibt. Seine Langlebigkeit macht die Faszination des Mythos aus und begründet das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Untersuchung.

Die vorliegende Dissertation versteht sich nicht als weiterer Beitrag zu der häufig polemisch geführten Auseinandersetzung um den Mythos. Ihr Ziel ist es im Gegenteil, eines der bedeutendendsten Elemente portugiesischer Kulturgeschichte transparenter zu machen.

(aus dem Vorwort)


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