Der Sebastianismo, die Hoffnung auf die Rückkehr des 1578 im marokkanischen
Alcácer-Quibir verschollenen Königs Sebastião, hat wie
kein anderer Mythos die portugiesischen Vorstellungswelten geprägt.
Kaum ein Stoff wurde und wird im Land selbst derart kontrovers diskutiert
wie der portugiesische Erlösermythos. Seit nunmehr über vierhundert
Jahren ist der »ponto supremo do espírito português«
im kollektiven portugiesischen Gedächtnis präsent. Er erscheint
in den unterschiedlichsten Sinnzusammenhängen: Der Sebastianismus steht
für ein historisches Ereignis, einen messianischen Glauben, eine
portugiesische Charaktereigenschaft, einen psychologischen
Kompensationsmechanismus, eine politisch-ideologische Diskussionsgrundlage,
ein mythisches Deutungsschema nationaler Geschichte und ein Symbol nationaler
Identität. Die vermeintliche Lethargie der Portugiesen wird ihm
zugeschrieben, ihre Wundergläubigkeit, ihre
Rückwärtsgewandtheit, ihre Sehnsucht nach dem vergangenen Status
als Entdeckermacht, ihr Leben zwischen Vergangenheit und Zukunft aber
auch ihre enorme Anpassungsfähigkeit und ihre Befähigung, sich
in Krisenzeiten nicht aufzugeben und die Hoffnung auf bessere Zeiten zu bewahren.
Als Ausdruck nationaler Identität erscheint der Sebastianismus immer
dann in der gesellschaftlichen Diskussion, wenn die nationale Existenz als
bedroht empfunden wird und die Zukunft des Landes sowie seine Rolle auf der
Weltbühne in Frage gestellt werden.
Damit ist der Mythos vor allem Ausdruck des portugiesischen
Geschichtsverständnisses, der Art und Weise, wie die Portugiesen sich
selbst und ihre Vergangenheit sehen und verstehen. Vermutlich ist diese Funktion
der Strukturierung und Aktualisierung des kulturellen Gedächtnisses
der Grund dafür, daß der Sebastianismus sich gegenüber anderen
abendländischen Erlösermythen einen Sonderstatus als bedeutendes
Element der portugiesischen Kulturgeschichte bis zum heutigen Tag bewahrt
hat eine Tatsache, die sich aus der Besonderheit des portugiesischen
Geschichtsverlaufes ergibt. Seine Langlebigkeit macht die Faszination des
Mythos aus und begründet das Erkenntnisinteresse der vorliegenden
Untersuchung.
Die vorliegende Dissertation versteht sich nicht als weiterer Beitrag zu
der häufig polemisch geführten Auseinandersetzung um den Mythos.
Ihr Ziel ist es im Gegenteil, eines der bedeutendendsten Elemente portugiesischer
Kulturgeschichte transparenter zu machen.
(aus dem Vorwort) |