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Hans-Joachim Döring:
»Es geht um unsere Existenz«
Die Politik der DDR gegenüber der dritten Welt am Beispiel von Mosambik
und Äthiopien
Ch. Links
352 Seiten
EUR 19,50 |
Internationale Solidarität galt als ein Grundprinzip der Außenpolitik
der DDR. Dieses Prinzip wurde der Bevölkerung abverlangt, und es wurde
von vielen Menschen auch gerne umgesetzt, galt es doch ähnlich
den großen Spendenkampagnen der westlichen Hilfsorganisationen
unterprivillegierten Menschen und Ländern zu helfen.
Internationale Solidarität stand als Begriff auch im Gegensatz zu den
sattsam bekannten Prinzipien der »Entwicklungshilfe« wie sie die
kapitalistischen Staaten praktizierten, und in der es vor allem um die
Erschließung und Sicherung neuer Märkte ging.
Der Kampf um größere politische Einflusssphären war wiederum
beiden Systemen gemeinsam.
Immer wieder erschütternd ist allerdings die Erkenntnis, wie sehr
ökonomischen Überlegungen auch die internationale Zusammenarbeit
im Realsozialismus bestimmten. Hans-Joachim Döring weist dies in seiner
Studie anhand zweier Musterländer der DDR-Zusammenarbeit
Moçambique und Äthiopien nach.
Die DDR war eines der ersten Länder, das sich nach der Revolution im
seit 1975 unabhängigen Moçambique engagierte. Bereits im
Befreiungskampf waren die Kontakte zwischen SED und Frelimo freundschaflich
gewesen. Tausende Moçambikaner erhielten in der DDR eine Ausbildung
oder arbeiteten in Betrieben in Moçambique, die mit Unterstützung
aus der DDR aufgebaut worden waren. Die BRD dagegen sabotierte in dieser
Zeit den Aufbau des jungen Staates und heizte nach Kräften den
Bürgerkrieg an.
Dörings Buch stellt nun völlig unpolemisch den
Zusammenhang zwischen dem drohenden Kollaps der DDR-Staatsfinanzen und ihrem
Engagement in Moçambique her. Er weist nach, dass Moçambique
für die Staatsführung vor allem ein willkommener Lieferant für
Rohstoffe und andere in der DDR knappe Produkte etwa Kaffee
war. Wie sich auch sozialistische Staaten nach allen Regeln der Kunst gegenseitig
»über den Tisch ziehen« konnten, weist Döring anhand
umfangreichem statistischem Material nach und untermauert es mit
Zeitzeugen-Interviews. Das Engagement in Moçambique und Äthiopien
war, nach dieser Studie, eine Frage des Überlebens des Staates DDR,
dessen Staatsfinanzen und wirtschaftliche Bilanzen bereits mitte der siebziger
Jahre so desolat waren, dass ohne das Engagement in Moçambique und
Äthiopien sowie verschiedener anderer drastischer Maßnahmen der
unmittelbare Bankrott gedroht hätte.
Und so kehrte sich auch hier internationale Solidarität nach dem
altbekannten Muster um: Die Entwicklungsländer sicherten das Überleben
der entwickelten Länder.
Vor 25 Jahren wurden die entsprechenden Abkommen unterzeichnet, exakt in
dem Jahr, in dem die wirtschaftliche Schieflage der DDR einen ersten
Höhepunkt erreichte und 12 Jahre vor ihrem dann endgültigen
ökonomischen und politischen Zusammenbruch. Dessen Folgen für
Moçambique sind bis heute unübersehbar unter anderem in
Form von Schulden, mit denen Moçambique nunmehr bei der BRD in der
Kreide steht.
Glücklicherweise ist die Studie nicht als Systemvergleich BRD/DDR
angelegt, und beschäftigt sich daher nicht mit der Frage, welche
Entwicklungshilfe denn nun unter dem Strich besser oder schlechter gewesen
ist. Möglich, dass diese Bilanz im Fall Moçambique dennoch zugunsten
der DDR ausfiele.
Weitaus spannender und zum Teil wirklich desillusionierend ist allerdings
die Erkenntnis, dass auch die »realsozialistische« Entwicklungshilfe
vor allem eigennützig und marktorientiert war.
Zum Verständnis des heutigen Moçambique und erst recht der
jüngeren deutschen Geschichte ist diese sehr fundiert recherchierte
und glücklicherweise sehr »lesbare« Studie
unerlässlich.
(mk) |
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weitere Rezensionen, Inhaltsverzeichnis und Leseproben unter
forschungsheim.de
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Hans-Joachim Döring, Jahrgang 1954 ist
Diplom-Religionspädagoge, war nach seinem Studium Mitarbeiter an der
Thomas-Kirche in Leipzig, Mitinitiator der »Friedensgebete«
in der Nikolaikirche und von 1987 bis 1994 Geschäftsführer des
INKOTA-Netzwerkes in Berlin.
Von Juni bis Oktober 1990 war er als Mitinitiator des Entwicklungspolitischen
Runden Tisches Berater für Entwicklungszusammenarbeit im Ministerium
für Auswärtige Angelegenheiten der DDR.
Seit 1997 ist er Leiter der
Fachstelle Umwelt und
Entwicklung des Kirchlichen Entwicklungsdienstes im Forschungsheim Lutherstadt
Wittenberg. |
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