Elf Jahre hat Milton Hatoum zwischen der Veröffentlichung seines ersten
und seinem zweiten Roman verstreichen lassen. Nicht untätig, sondern
immer wieder redigierend, umformulierend, schreibend. Mindestens sieben Versionen
gäbe es von diesem Roman, verriet er einer brasilianischen Tageszeitung.
Nun ist das viel gefeierte Werk auch in deutscher Übersetzung erschienen.
Schauplatz ist, wie in seinem Debüt "Relato de um Certo Oriente", Manaus,
es ist wieder ein Familienroman, und wieder spielt er im Umfeld der arabischen
Einwanderer.
Doch im Mittelpunkt des Romans steht der Zwist zweier Brüder, Yaqub
und Omar, Zwillinge und verfeindet wie einst ihre antiken und biblischen
Vorbilder. Ein klassischer Konfliktstoff, aber auch so etwas wie der
personalisierte Kampf der Kulturen und natürlich die Grundfrage aller
Moral: was ist gut und was böse?
Yaqub, die Lichtgestalt, wie es zunächst scheint, wird als Kind in den
Libanon, das Land seiner Großeltern, geschickt und wächst in einem
Ambiente der Rückständigkeit auf. Seine Rückkehr in das Brasilien
der Nachkriegszeit spielt noch einmal an auf das Drama der Einwanderung verarmter
Habenichtse in ein Land der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten.
Sein Bruder Omar entwickelt sich derweil im mondänen Manaus zu einem
von der Mutter verhätschelten Draufgänger, der sich herumtreibt
und all seine Chancen in den Spelunken der Großstadt verspielt.
Der spröde Yakub ist strebsam und fleißig, verweigert aus Stolz
jegliche Unterstützung durch die Familie und macht schließlich
Karriere im fernen São Paulo - dem geographischen und sozialen Gegenpart
zum tropischen Manaus seiner Eltern. Ein Hoffnungsträger wie er im Buche
steht.
Die Wiederbegegnung der beiden ungleichen Brüder fällt
schließlich zusammen mit dem Putsch von 1964. Und hier, unter der Gewalt
der Militärdiktatur, kommen die menschlichen Züge des impulsiven,
unbotmäßigen Omar zu Tage. Jetzt erst recht verweigert er sich
jeder Ordnung, gerät in Konflikt mit der betonköpfigen Ideologie
von Gott, Vaterland, Familie, steigt endgültig aus und
verschwindet.
Der blitzsaubere Yaqub passt dagegen voll in den technokratischen Geist der
neuen Zeit, er verkörpert sie - emotionslos, berechnend und ohne
Rücksicht auf Verluste. Auf sein Betreiben hin fällt schließlich
der Sitz der Familie, die Villa der Eltern und Großeltern, an einen
einflussreichen Immobilienmagnaten. Das soziale Gefüge ist dahin.
Zerstört auch die Hoffnung auf Versöhnung. Der
Fortschritt geht erbarmungslos über die Leichen der verbitterten
Eltern hinweg.
Übrig bleibt nur der Chronist, unehelicher Sohn des indianischen
Dienstmädchens und eines der beiden Zwillinge - wer von beiden der Vater
ist, wird er nie erfahren. Ohne Wurzeln und als listiger Beobachter ohne
eigene Bedeutung verkörpert er schließlich alles, was von der
Familie geblieben ist: Erinnerung, vage Spuren und eine großartig
erzählte Geschichte.
Ebenfalls wieder aufgelegt:
Brief aus Manaus
Suhrkamp Taschenbuch
236 Seiten
10,--
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