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Max de Castro Innovation und »Suingue«
vom Allerfeinsten
Darmstadt - Das »Trama«
-Label schickte im Oktober einige ihrer wichtigsten Künstler auf
Europatournee. Ein erster Schritt auf den umkämpften europäischen
Markt. Eine Repräsentantin des Labels aus São Paulo, die
gebürtige »carioca« Cristina Ruiz-Kellersman lebt und arbeitet
bereits in Berlin. Berlin war denn auch eine der drei Stationen der Tournee
in Deutschland. Daneben ging die Tour durch Holland, Portugal, Österreich
und Frankreich.
Der Komponist, Sänger und Perkussionist Otto war diesmal nicht mit dabei,
er hätte auch kaum in das Samba-Soul-Quintett der »New Samba
Revue« mit Wilson Simoninha, Jair Oliveira, Max de Castro, Patrícia
Marx und dem DJ Mad Zoo gepasst. Doch seine Abwesenheit betont umso mehr
die Notwendigkeit, dass auch er sich einmal hierzulande zeigt.
Unter den Musikern, die sich auf 22 europäischen Bühnen vorstellen
durften, ist Max de Castro unbestritten derjenige, dem die größte
Aufmerksamkeit und die nicht immer billige Zuwendung der Plattenfirma
gilt.
Resultat der Europa-Tournee wird eine DVD sein, die in Kürze erscheinen
soll. Es drängt sich allerdings die Frage auf, wie lange noch der wunderbare
Max de Castro mit Simoninha, Jair, Patrícia und Mad Zoo verbandelt
bleiben wird. Wer die Arbeit dieser Künstler aufmerksam verfolgt hat,
kennt die riesigen qualitativen Unterschiede zwischen Max und den anderen.
Als talentierter Arrangeur und immer ausgefeilterer Komponist, ist es Maximiliano
Simonal Pugliese de Castro gelungen, eine zweite Platte fertigzustellen,
die noch besser, aber wirklich viel besser ist, als sein bereits hervorragendes
Debüt »Samba Raro« von 1999. Wenn die erste Platte 2000 bereits
den Newcomer-Preis der renommierten Kunstkritikervereinigung APCA aus São
Paulo erhielt, so verdient die aktuelle »Orquestra Klaxon«
endlich auch die erträumte Würdigung durch das Publikum
wären da nur nicht die bekannten Massankommunikationsmitel mit ihrem
gewöhnlichen Geschmack.
»Orchestrale Klänge, die an Soundtracks aus den siebziger Jahren
erinnern, treffen auf Drum and Bass Rhythmen, paaren sich mit den leicht
kitschigen großen Melodien der Bossa Nova und entwickeln dabei einen
solchen Drive, der jeden ernsthaften Rezensenten ins Schleudern bringt«
lobt der deutsche Kritiker Thorsten Bednarz in der
Jazzthetik.
Und er hat Grund dazu: Die zwölf Stücke auf »Orchestra
Klaxon«, fast ausschließlich auch von Max de Castro produziert,
arrangiert und komponiert und entweder alleine oder in guter Gesellschaft
intoniert, sind der definitive Beweis seiner Qualitäten als besessener
Studiomann und lassen auf noch kommende Glanzstücke hoffen.
Das beeindruckendste Stück ist »Calaram a Voz do Nosso Amor«,
ein Samba voller »suingue«, ähnlich denen des frühen
und unvergessenen Jorge Ben. Natürlich ist auch Max de Castro so einer,
der von den weisen und intuitiven Lehren des alten Babulina nicht lassen
kann, die über dieser höchst interessanten Zusammenarbeit mit Erasmo
Carlos (!) schwebt, »A História da Morena Nua que Abalou as
Estruturas do Esplendor do Carnaval« (Die Geschichte von dem nackten
Mädchen, das die Strukturen des strahleden Karneval
erschüttert) . Hier findet sich der Vers »E a galera ensandecida
queria mais« (Und die durchgedrehte Menge wollte mehr), die sich an
»Fio Maravilha« von Jorge Ben inspiriert. Sowohl Text als auch
Musik stehen in perfektem Einklang zueinander und erzählen voller Verve
von dem Aufruhr, den die Schönheit einer Tänzerin in einer Sambaschule
verursacht.
Es gibt aber auch andere nicht weniger edle Partner auf dieser Platte, etwa
Marcelo Yuka, Co-Autor des rhythmischen »Os Óculos Escuros de
Cartola« oder Seu Jorge, der »O Nego do Cabelo Bom«
mitunterzeichnet, in dem es um die in Brasilien immer noch lebendigen
rassistischen Vorurteile geht. Ebenfalls dabei sind Nelson Motta mit »Sonho
de Verão« und Fred 04 von Mundo Livre SA auf »Linha do
Tempo« mit Kompositionen, die sich hervorragend in das Konzept der Platte
einfügen. Nelson, der kürzlich den kuriosen Krimi »O Canto
da Sereia« veröffentlichte, engagiert sich weiter in der Zusammenarbeit
mit Max de Castro.
Und es gibt weitere bemerkenswerte Gestspiele auf »Orquestra Klaxon«.
Allein auf »O Nego do Cabelo Bom« spielen neben der kraftvollen
Stimme von Paula Lima , deren erstes Album von
Max de Castro produziert wurde, Wilson das Neves am Schlagzeug, J.T.Meirelles
am Altsaxophon und Sérgio Carvalho am Fender-Piano. Eine weitere gute
Idee sind die verschiedenen Instrumentalstücke, die als Zwischenmusiken
mit der stetig ansteigenden »Temperatur« der Platte
einhergehen.
Nun heißt es warten, dass Trama gute Ergebnisse im Verkauf ihrer Lizenzen
an europäische Plattenfirmen erziehlt, um vielleicht auch im kommenden
Jahr weitere Namen aus ihrem »Rennstall« hier zu präsentieren.
Mit Ed Motta, Nação Zumbi und der Newcomerin Fernanda Porto
sind einige vielversprechende Neuzugänge zu verzeichnen. Der
Regierungswechsel in Brasilien verspricht ebenfalls Verbesserungen
auf vielen Gebieten, und alles deutet darauf hin, dass Kultur und Bildung
das besondere Augenmerkt des ersehnten Lula genießen. Hoffen wir es.
Felipe Tadeu
brasilkult@aol.com |
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Felipe
Tadeu, 39,
ist Journalist und Spezialist für brasilianische Popmusik. Für
Radio Darmstadt produziert er die Sendung Radar Brasil. Seit 1991 lebt er
in Deutschland und ist auch bekannt unter dem Pseudonym DJ Fila.
email:
brasilkult@aol.com
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