Sensationell an diesem Album, auf dem Stücke wie »O Vira«,
»Sangue Latino«, »O Patrão Nosso de Cada Dia«,
»Fala«, »Assim Assado« und »Rosa de Hiroshima«
zu hören sind, beginnt bereits beim Cover, einer
meisterhaften Fotografie von Antonio Carlos Rodrigues, einem ehemaligen
Fotoreporter der Tageszeitung Última Hora. Eine seiner Serien,
die in der Zeitschrift Fotopticta erschienen war, geriet in die
Hände der Bandmitglieder. Sein Redaktionskollege João
Apolinário, nebenbei Vater von João Ricardo, dem Haupt-Komponisten
der Band, schlug seinem Sohn und seinen Mitmusikern vor, etwas ähnliches
zu machen, wie auf diesen Fotos, wo Frauenköpfe auf silbrigen Papptellern
serviert werden. Die Idee begeisterte die drei, und wenig später
sägten die illustren unbekannten Hippies eigenhändig an
Sperrholzplatten herum, aus denen dar Tisch besteht, auf dem sie ihre entleibten
Köpfe später zwischen Würsten, Zwiebeln, Maisbrot, Keksen
und Bohnen drapieren würden eine Szenerie, die an das
Grundnahrungsmittel-Angebot (Secos e molhados) eines Tante-Emma-Laden erinnert,
aufgewertet durch einen bärtigen João Ricardo mit dem Blick eines
Dom Quixote, einen Ney Matogrosso als Zigeuner mit buntem Stirnband sowie
Gerson Conrad und Marcelo Farias (Gast-Schlagzeuger und Perkussionist) zu
einem Bankett der Inquisition.
Alle geschminkt. Geschminkte Männer mitten in den brasilianischen
Siebzigerjahren. Antonio Carlos verbrachte einen ganzen Morgen damit, die
gewünschte Stimmung einzufangen, während die Musiker die ganze
Zeit über auf Backsteinen aushielten, frierend in der Kälte
unter ihrem Tisch. Das Ergebnis ist in die Geschichte eingegangen. In einer
Umfrage der Folha de São Paulo unter 146 Künstlern und
Journalisten im Jahr 2001 ist die erste der Secos & Molhados zum besten
Plattencover aller Zeiten gekürt worden, vor Todos os Olhos (Tom
Zé), Índia (Gal Costa), Tropicália ou Panis
et Circensis (Caetano, Mutantes & Co.), Minas (Milton Nascimento)
und verschiedenen anderen.
Doch das beste von allem war natürlich die Musik, die in die Rillen
gepresst war, die begeisternde Stimme von Ney de Souza Pereira, unserem Ney
Matogrosso, die wichtigste Entdeckung des Jahres 1973. Ein Sänger ohne
Gleichen, von besonderer stimmlicher Qualität, geradezu dafür geboren,
zu glänzen und die Menschen in Erstaunen zu versetzen. Ein wirklicher
Künstler, mit einer Bühnenpräsenz, die an Mick Jagger erinnert,
und der auch als Tänzer verblüffende Auftritte hatte. Er war die
perfekte Provokation der piefigen Moral Brasiliens in der bleiernen
Zeit unter General Médici.
Als er in die brasilianische Musikszene einbrach mit seiner schöpferischen
Kraft und entsprechender Unverschämtheit auf dem Gebiet des guten Benehmens
(»am Sex entscheidet es sich« sagte schon Caetano Veloso), wurde
Ney vom seinem Publikum mit einer eigentümlichen Begeisterung aufgenommen:
»Es gab Leute die kamen in meinen Laden und waren überzeugt, Ney
Matogrosso hätte seine Stimmbänder operativ entfernen und durch
weibliche Stimmbänder ersetzen lassen«, erzählt Humberto Gomes,
der Besitzer der Bossa Center Discos am Largo Machado, einem der wichtigsten
Plattenläden Rio de Janeiros der siebziger Jahre.
Als er mit Secos & Molhados anfing, hatte Ney Matogrosso zwölf Monate
Theatererfahrung im Gepäck, viele Probleme mit seinem Vater, der beim
Militär war und keinen Pfennig in der Tasche. Zur Illustration: Ney
mußte das einzige verkaufen, was er besaß, einen kleinen Wecker,
um das Ticket nach São Paulo zu erstehen, wo er begann, mit Gerson
und João Ricardo zu üben. Nachdem er als Schauspieler an Parodien
wie »Dom Quixote Mula-Manca e Seu Fiel Companheiro Zé
Chupança«, »Rosinha no Túnel do Tempo« und »A
Viagem«, einem Musical in Anlehnung an die Lusiaden mitgewirkt
hatte, glaubte Ney nicht mehr an eine Karriere als Sänger. Nebenbei
arbeitete er als Kunsthandwerker und lebte von der Hand in den Mund, nicht
selten ohne etwas zu essen zu haben. Doch als er im Dezember 1972 auf die
Bühne des Teatro Ruth Escobar stieg, brauchte Ney nicht mehr lange,
um im Land einer Carmen Miranda, von Oswald de Andrade und der Tropicalistas
zu erblühen.
Das Glück der schwarzen Katze
João Ricardo, in Ponte do Lima, Portugal geboren, war der andere Kopf
der Secos & Molhados. Was wäre wohl aus der Band geworden ohne seine
außergewöhnlichen Kompositionen, seine Gedichte, die zu Baladen
und Rockstücken zerfließen, die zum Besten der 70er Jahre in Brasilien
zählen. Eine elektrische Dekade, in denen Formationen wie Rita Lee
& Tutti Frutti brillierten, O Terço, A Barca do
Sol, Alceu Valença und Os Mutantes der progressiven Phase
eines Serginho Dias Baptista.
Die erste LP der Secos & Molhados wurde in der ersten Auflage mit 105.000
Exemplaren ausgeliefert. Bereits in der ersten Woche war diese ausverkauft,
und Continental mußte Vinyl von anderen Künstlern einschmelzen,
um nachzupressen.
Die Platte, ein Juwel. João Ricardo, der die 6- und 12-saitigen Gitarren
bediente, Mundharmonika spielt und auch beim Gesang aushalf, Gerson Conrad
der so genannte Ruhepol zwischen den ausgeprägten Egos von Ney
und João an Gitarre und Gesang, Marcelo Farias an Schlagzeug
und Perkussion, während eine eingeschworene Truppe von Mitstreitern
Töne produzierte zu Versen wie »e lá no fundo azul, na noite
da floresta, a lua iluminou, a dança, a roda, a festa...« (und
dort in der blauen Tiefe der Nacht im Wald beleuchtet der Mond den Tanz,
die Runde, das Fest...). Es waren Zé Rodrix (von Sá, Rodrix
e Gurabyra) an den Keyboards und dem Arrangement von »Fala«,
Sérgio Rosadas an der Querflöte und Bambusflöte, die der
Band einen interessanten folkloristischen Tupfer verliehen, John Flavin an
der E-Gitarre, der Bass von willi Verdaguer und das Klavier von Emilie
Carrera.
Das erste Stück der LP ist »Sangue Latino«, ein Gemeinschaftswerk
von João Ricardo und Paulinho Mendonça, das rasend schnell
die Radios eroberte. Danach, der größte Hit der Secos & Molhados,
»O Vira«. Ein lusitanischer Touch mit Rock, der die Platte innerhalb
nur eines Jahres über die Eine-Million-Hürde katapultieren sollte.
In Anbetracht der noch in den Kinderschuhen steckenden Medienindustrie der
siebziger Jahre, müßte diese Zahl noch mit zehn potenziert werden,
um mit heutigen Maßstäben den Schaden zu ermessen, den das Trio
anrichtete. »Secos & Molhados waren Provokation. Doch wenn du derjenige
bist, der angreift, so nötigt das einen gewissen Respekt ab. Und das
war es, was ich machte: Ich gab niemandem eine Chance, mich anzugreifen,
denn ich schlug zuerst zu«, erzählt Ney in der exzellenten Biographie
Um Cara Meio Estranho von Denise Pires Vaz (Rio Fundo Editora,
303 Seiten, 1992).
Danach kam die schneidende Ballade »O Patrão Nosso de Cada Dia«
(Unser täglich Boss gib uns heute), dessen Titel extrem plakativ wirkt
für eine Ära, in der die Zensur Köpfe und Hirne nach Strich
und Faden absägte. »Amor« war eine Komposition von João
Ricardo und seinem Vater, gefolgt von dem Superblues »Primavera nos
Dentes« (Frühling in den Zähnen), der ein Lob auf den Widerstand
singt: »... e envolto em tempestade, decepado, entre os dentes segura
a primavera.« (und inmitten des Unwetters, enthauptet, hält er
zwischen den Zähnen den Frühling). Rote Nelken, subversive Texte
und ein João Ricardo, der sich bei den Kostümen des Trios an
der Kleidung von Guerrilleros orientierte. Der »Freitag« des Albums
ist »Assim Assado«, eine Satire auf eine Figur aus dem Hause Hanna
Barbera, den versinnbildlichten Vertretern des Bestehenden. Dann, noch ein
hübscher Rock von João Ricardo und Solano Trinidade, »Mulher
Barriguda« (Dicke Frau), ein Antikriegsstück angesichts der zahlreichen
bewaffneten Konflikte in der Welt des kalten Krieges.
Als ob diese ganze Provokation des autoritären Regimes Médici
nicht genügte, gab es dann noch »El Rey«, in dem es heißt
»eu vi El Rey andar deu quatro...« (Ich habe Seine Majestät
auf allen vieren gesehen). Danach »Hiroshima«, ein weiterer
pazifistischer, anti-nuklearer Aufschrei nach einem Gedicht von Vinícius
de Moraes, von Gerson Conrad meisterhaft vertont. Ein Werk, das schon für
sich alleine nach mehr Kompositionen von Gerson im Repertoire der Band verlangte,
doch die Unsicherheit und die Gewinnsucht von João Ricardo und seines
Vaters João Apolinário sollten dem wachsenden Erfolg von Secos
& Molhados, die sich, trotz Hits wie »Prece Cósmica«,
»As Andorinhas« und der wunderschönen Ballade »Fala«,
eineinhalb Jahre nach ihrer Gründung wieder auflösten.
1974 kam die zweite Studio-LP heraus, die letzte der Secos & Molhados.
Eine weitere interessante Produktion, die allerdings irgendwie in der Luft
hängen blieb, nachdem sich die Band aufgelöst hatte. Doch ihre
Musik ist da, in der Ewigkeit. Nachzuhören in Teil 1 der wunderbaren,
von Charles Gavin produzierten Serie Dois Momentos. Zwei wunderbare
Alben, Präziosen von Ney Matogrosso, João Ricardo und Gerson
Conrad.
Felipe Tadeu
brasilkult@aol.com
übersetzt von Michael Kegler |