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Eine Platte, die niemand vergisst:
Vor dreißig Jahren erschien das erste Album der
Secos & Molhados

Ein Meisterwerk, ein echter Kristall – einer der funkelndsten in der Geschichte der brasilianischen Popmusik. Die Debüt-LP des Trio »Secos & Molhados (Ney Matogrosso, João Ricardo und Gerson Conrad) wird in diesem Jahr dreißig Jahre alt. Die Vinyl-Scheibe, die seinerzeit von der seligen Firma Continental (heute eine Abteilung von Warner) in die Läden gebracht wurde, war einer der größten Verkaufserfolge der brasilianischen Musikgeschichte. Also, machen Sie eine Flasche Wein auf – selbst wenn es nur einer dieser billigen der sagenumwobenen brasilianischen Marke »Único« ist, wie er als Accessoire des legendären Covers herhalten musste –, zünden Sie eine Kerze an und tun Sie sich den Sound in den Kopf. Selbst wenn Sie nach 1973 geboren sein sollten, werden Sie die Reise zu den Rocks von damals ohne Zweifel genießen.


Sensationell an diesem Album, auf dem Stücke wie »O Vira«, »Sangue Latino«, »O Patrão Nosso de Cada Dia«, »Fala«, »Assim Assado« und »Rosa de Hiroshima« zu hören sind, beginnt bereits beim Cover, einer meisterhaften Fotografie von Antonio Carlos Rodrigues, einem ehemaligen Fotoreporter der Tageszeitung Última Hora. Eine seiner Serien, die in der Zeitschrift Fotopticta erschienen war, geriet in die Hände der Bandmitglieder. Sein Redaktionskollege João Apolinário, nebenbei Vater von João Ricardo, dem Haupt-Komponisten der Band, schlug seinem Sohn und seinen Mitmusikern vor, etwas ähnliches zu machen, wie auf diesen Fotos, wo Frauenköpfe auf silbrigen Papptellern serviert werden. Die Idee begeisterte die drei, und wenig später sägten die illustren unbekannten Hippies eigenhändig an Sperrholzplatten herum, aus denen dar Tisch besteht, auf dem sie ihre entleibten Köpfe später zwischen Würsten, Zwiebeln, Maisbrot, Keksen und Bohnen drapieren würden – eine Szenerie, die an das Grundnahrungsmittel-Angebot (Secos e molhados) eines Tante-Emma-Laden erinnert, aufgewertet durch einen bärtigen João Ricardo mit dem Blick eines Dom Quixote, einen Ney Matogrosso als Zigeuner mit buntem Stirnband sowie Gerson Conrad und Marcelo Farias (Gast-Schlagzeuger und Perkussionist) zu einem Bankett der Inquisition.

Alle geschminkt. Geschminkte Männer mitten in den brasilianischen Siebzigerjahren. Antonio Carlos verbrachte einen ganzen Morgen damit, die gewünschte Stimmung einzufangen, während die Musiker die ganze Zeit über auf Backsteinen aushielten, frierend in der Kälte unter ihrem Tisch. Das Ergebnis ist in die Geschichte eingegangen. In einer Umfrage der Folha de São Paulo unter 146 Künstlern und Journalisten im Jahr 2001 ist die erste der Secos & Molhados zum besten Plattencover aller Zeiten gekürt worden, vor Todos os Olhos (Tom Zé), Índia (Gal Costa), Tropicália ou Panis et Circensis (Caetano, Mutantes & Co.), Minas (Milton Nascimento) und verschiedenen anderen.

Doch das beste von allem war natürlich die Musik, die in die Rillen gepresst war, die begeisternde Stimme von Ney de Souza Pereira, unserem Ney Matogrosso, die wichtigste Entdeckung des Jahres 1973. Ein Sänger ohne Gleichen, von besonderer stimmlicher Qualität, geradezu dafür geboren, zu glänzen und die Menschen in Erstaunen zu versetzen. Ein wirklicher Künstler, mit einer Bühnenpräsenz, die an Mick Jagger erinnert, und der auch als Tänzer verblüffende Auftritte hatte. Er war die perfekte Provokation der piefigen Moral Brasiliens in  der bleiernen Zeit unter General Médici.

Als er in die brasilianische Musikszene einbrach mit seiner schöpferischen Kraft und entsprechender Unverschämtheit auf dem Gebiet des guten Benehmens (»am Sex entscheidet es sich« sagte schon Caetano Veloso), wurde Ney vom seinem Publikum mit einer eigentümlichen Begeisterung aufgenommen: »Es gab Leute die kamen in meinen Laden und waren überzeugt, Ney Matogrosso hätte seine Stimmbänder operativ entfernen und durch weibliche Stimmbänder ersetzen lassen«, erzählt Humberto Gomes, der Besitzer der Bossa Center Discos am Largo Machado, einem der wichtigsten Plattenläden Rio de Janeiros der siebziger Jahre.

Als er mit Secos & Molhados anfing, hatte Ney Matogrosso zwölf Monate Theatererfahrung im Gepäck, viele Probleme mit seinem Vater, der beim Militär war und keinen Pfennig in der Tasche. Zur Illustration: Ney mußte das einzige verkaufen, was er besaß, einen kleinen Wecker, um das Ticket nach São Paulo zu erstehen, wo er begann, mit Gerson und João Ricardo zu üben. Nachdem er als Schauspieler an Parodien wie »Dom Quixote Mula-Manca e Seu Fiel Companheiro Zé Chupança«, »Rosinha no Túnel do Tempo« und »A Viagem«, einem Musical in Anlehnung an die Lusiaden mitgewirkt hatte, glaubte Ney nicht mehr an eine Karriere als Sänger. Nebenbei arbeitete er als Kunsthandwerker und lebte von der Hand in den Mund, nicht selten ohne etwas zu essen zu haben. Doch als er im Dezember 1972 auf die Bühne des Teatro Ruth Escobar stieg, brauchte Ney nicht mehr lange, um im Land einer Carmen Miranda, von Oswald de Andrade und der Tropicalistas zu erblühen.

Das Glück der schwarzen Katze

João Ricardo, in Ponte do Lima, Portugal geboren, war der andere Kopf der Secos & Molhados. Was wäre wohl aus der Band geworden ohne seine außergewöhnlichen Kompositionen, seine Gedichte, die zu Baladen und Rockstücken zerfließen, die zum Besten der 70er Jahre in Brasilien zählen. Eine elektrische Dekade, in denen Formationen wie Rita Lee & Tutti Frutti brillierten, O Terço, A Barca do Sol, Alceu Valença und Os Mutantes der progressiven Phase eines Serginho Dias Baptista.
Die erste LP der Secos & Molhados wurde in der ersten Auflage mit 105.000 Exemplaren ausgeliefert. Bereits in der ersten Woche war diese ausverkauft, und Continental mußte Vinyl von anderen Künstlern einschmelzen, um nachzupressen.

Die Platte, ein Juwel. João Ricardo, der die 6- und 12-saitigen Gitarren bediente, Mundharmonika spielt und auch beim Gesang aushalf, Gerson Conrad – der so genannte Ruhepol zwischen den ausgeprägten Egos von Ney und João – an Gitarre und Gesang, Marcelo Farias an Schlagzeug und Perkussion, während eine eingeschworene Truppe von Mitstreitern Töne produzierte zu Versen wie »e lá no fundo azul, na noite da floresta, a lua iluminou, a dança, a roda, a festa...« (und dort in der blauen Tiefe der Nacht im Wald beleuchtet der Mond den Tanz, die Runde, das Fest...). Es waren Zé Rodrix (von Sá, Rodrix e Gurabyra) an den Keyboards und dem Arrangement von »Fala«, Sérgio Rosadas an der Querflöte und Bambusflöte, die der Band einen interessanten folkloristischen Tupfer verliehen, John Flavin an der E-Gitarre, der Bass von willi Verdaguer und das Klavier von Emilie Carrera.

Das erste Stück der LP ist »Sangue Latino«, ein Gemeinschaftswerk von João Ricardo und Paulinho Mendonça, das rasend schnell die Radios eroberte. Danach, der größte Hit der Secos & Molhados, »O Vira«. Ein lusitanischer Touch mit Rock, der die Platte innerhalb nur eines Jahres über die Eine-Million-Hürde katapultieren sollte. In Anbetracht der noch in den Kinderschuhen steckenden Medienindustrie der siebziger Jahre, müßte diese Zahl noch mit zehn potenziert werden, um mit heutigen Maßstäben den Schaden zu ermessen, den das Trio anrichtete. »Secos & Molhados waren Provokation. Doch wenn du derjenige bist, der angreift, so nötigt das einen gewissen Respekt ab. Und das war es, was ich machte: Ich gab niemandem eine Chance, mich anzugreifen, denn ich schlug zuerst zu«, erzählt Ney in der exzellenten Biographie Um Cara Meio Estranho von Denise Pires Vaz (Rio Fundo Editora, 303 Seiten, 1992).

Danach kam die schneidende Ballade »O Patrão Nosso de Cada Dia« (Unser täglich Boss gib uns heute), dessen Titel extrem plakativ wirkt für eine Ära, in der die Zensur Köpfe und Hirne nach Strich und Faden absägte. »Amor« war eine Komposition von João Ricardo und seinem Vater, gefolgt von dem Superblues »Primavera nos Dentes« (Frühling in den Zähnen), der ein Lob auf den Widerstand singt: »... e envolto em tempestade, decepado, entre os dentes segura a primavera.« (und inmitten des Unwetters, enthauptet, hält er zwischen den Zähnen den Frühling). Rote Nelken, subversive Texte und ein João Ricardo, der sich bei den Kostümen des Trios an der Kleidung von Guerrilleros orientierte. Der »Freitag« des Albums ist »Assim Assado«, eine Satire auf eine Figur aus dem Hause Hanna Barbera, den versinnbildlichten Vertretern des Bestehenden. Dann, noch ein hübscher Rock von João Ricardo und Solano Trinidade, »Mulher Barriguda« (Dicke Frau), ein Antikriegsstück angesichts der zahlreichen bewaffneten Konflikte in der Welt des kalten Krieges.

Als ob diese ganze Provokation des autoritären Regimes Médici nicht genügte, gab es dann noch »El Rey«, in dem es heißt »eu vi El Rey andar deu quatro...« (Ich habe Seine Majestät auf allen vieren gesehen). Danach »Hiroshima«, ein weiterer pazifistischer, anti-nuklearer Aufschrei nach einem Gedicht von Vinícius de Moraes, von Gerson Conrad meisterhaft vertont. Ein Werk, das schon für sich alleine nach mehr Kompositionen von Gerson im Repertoire der Band verlangte, doch die Unsicherheit und die Gewinnsucht von João Ricardo und seines Vaters João Apolinário sollten dem wachsenden Erfolg von Secos & Molhados, die sich, trotz Hits wie »Prece Cósmica«, »As Andorinhas« und der wunderschönen Ballade »Fala«, eineinhalb Jahre nach ihrer Gründung wieder auflösten.

1974 kam die zweite Studio-LP heraus, die letzte der Secos & Molhados. Eine weitere interessante Produktion, die allerdings irgendwie in der Luft hängen blieb, nachdem sich die Band aufgelöst hatte. Doch ihre Musik ist da, in der Ewigkeit. Nachzuhören in Teil 1 der wunderbaren,  von Charles Gavin produzierten Serie Dois Momentos. Zwei wunderbare Alben, Präziosen von Ney Matogrosso, João Ricardo und Gerson Conrad.

Felipe Tadeu
brasilkult@aol.com
übersetzt von Michael Kegler

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Felipe Tadeu
ist Journalist und spezialisiert auf brasilianische Musik. Für Radio Darmstadt produziert er das Programm »Radar Brasil«. Seit 1991 in Deutschland ansässig ist er inzwischen auch unter dem Pseudonym DJ Fila bekannt.
email: brasilkult@aol.com


in früheren ausgaben:

»fogo encantado«


»Lula Queiroga«
»solo für Pina Bausch«
»Suzana Salles«

»Hommage an John Lennon«
»Ângela Rô Rô«
»Flávia Virginia«

»o rappa«

»
max de castro«


»Secos & Molhados« (Sangue Latino), CD
EUR 15,--


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