Männer- und Frauenallerlei aus dem Topf der Índios mittels einer
brasilianischen Anthropologin
Sind Sie schon erwachsen und lesen immer noch gerne Märchen? Lassen
Sie sich gern von Erotik bezaubern? Dann werden Sie viel Spaß an Moqueca
de maridos haben.
Denn Moqueca de maridos ist keine Anleitung dazu, wie frau Ehemänner
grillt, oder sie etwa fertigmacht, sondern ist der Titel einer Sammlung von
erotischen Mythen, zusammengetragen von der brasilianischen Anthropologin
Betty Mindlin während ihrer Forschungen in Rondônia unter den
Macurap, Tupari, Ajuru, Jabuti, Arikapu und Arúa.
Die aufgeschriebenen archaische Mythen spielen in einer verzauberten
Atmosphäre, in einer Zeit als die Tiere menschliche Form hatten und
gerne unter den einheimischen Frauen ihre Gattinnen aussuchten, als die
Männer menstruierten, die Frauen noch keine Vagina hatten und die Kinder
durch den großen Fußnagel zeugten.
Wußten Sie, daß sich hinter der himmlischen Gestalt des Mondes
sich ein reumütigen Bruder verbirgt, der seine Schwester zum Inzest
überlistet hatte, oder daß sich bei den Amazoninnen eine Schar
Frauen freiwillig einen Mann teilten?
Das sexuelle Verlangen, Leitfaden dieser Geschichten, wird immer in Interaktion
mit den allgegenwärtigen Geistern, den Txopokod , ausgelebt.
»O Amante Txopokod e a Menina do Pinguelo Gigante« ist ein Meisterwerk
der erotischen Literatur. Eine junge Frau wird nachts von den zwei Armen
eines Geistes so ausgiebig befriedigt, daß ihre Klitoris immer weiter
wächst, bis sie ihr zum Boden hängt, und ihr zum Verhängnis
wird.
Oft geht es in diesen Geschichten um die Befriedigung der Frauen. Meistens
sind die Frauen die Suchenden. Wenn sie nicht das bekommen was sie wollen,
ziehen sie weiter, zu Tieren, Geister, oder basteln sich aus Holz oder Lehm
einen Penis.
Die Männer bestrafen sie für den Verrat auf's Brutalste. Ihr Verlangen
ist besitzergreifend, oft pervers.
»O homem de pau comprido« hingegen ist eine Liebes-Hymne an alle
Frauen. Ein Mann namens Tampot hat so einen langen Penis, daß er jede
Frau, die im gefällt, in Entfernungen von hunderten von Metern erreichen
kann. Am liebsten sind ihm die Frauen am Fluß, die unwissend, ihre
Beine aufmachen und entspannen. Der überdimensionale Penis bereitet
überall seinen Weg, durch Wasser und auch unterhalb der Erde. Tampot
agiert direkt aus seiner Hütte und hat keine Auswahlkriterien. Verheiratete
und unverheiratete, jüngere und ältere Frauen werden von seinem
Penis verfolgt und befriedigt.
Die Einheimischen haben der Anthropologin Betty Mindlin Geschichten von einem
hohen Unterhaltungswert erzählt, die durch die poetische Kraft des einfachen
Erzählstils bestechen. Sie sind voll von zauberhafter Metaphorik, sanft,
atmosphärisch dicht, wenn sie das sexuelle Verlangen und dessen
Erfüllung schildern, witzig und spannend, wenn sie von
Grenzüberschreitungen und der Suche der Protagonisten nach dem individuellen
Glück erzählen.
Die verschiedenen Mythen über die Liebes-und Sexualauffassung der
Índios aus dem Amazonas werden Sie die Welt mit anderen Augen sehen
lassen. Sie sind einerseits die Vergewisserung dessen, daß sich bekannte
mythische Szenarien wiederholen, andererseits erfahren sie hier sehr
phantasiereiche Variationen dieser Szenarien, die viele unbekannte, verschleierte
Aspekte menschlichen Denkens und Verhaltens offenbaren.
Sie müssen nur ihren Blick öffnen und die Erzähler beim Wort
nehmen.
Alina Klose-Butuman |