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Mia Couto


:::Ein Brief an Präsident George Bush:::

Herr Präsident,

ich bin ein Schriftsteller aus einem armen Land, einem Land, das schon einmal auf Ihrer schwarzen Liste stand. Millionen von Mosambikanern war nicht klar, was wir Ihnen Böses getan haben sollen. Wir waren klein und arm: welche Bedrohung sollten wir darstellen? Unsere Massenvernichtungswaffe, der Hunger und das Elend, richtete sich schließlich gegen uns selbst.

Manche von uns wunderten sich über die Kriterien, nach denen unser Name in den Schmutz gezogen wurde während andere Länder Ihre Sympathie genossen. Unser Nachbar zum Beispiel – das Südafrika der Apartheid – verletzte die Menschenrechte ganz offensichtlich. Jahrzehntelang waren wir Opfer dieses Regimes. Doch Sie standen der Apartheid weit freundlicher gegenüber. Partnerschaftlich. Der ANC stand als „terroristische Organisation“ auch auf Ihrer schwarzen Liste. Merkwürdige Kriterien, nach denen später die Taliban und selbst Bin Laden von nordamerikanischen Strategen als „freedom fighters“ bezeichnet wurden.

Nun ich, als Schriftsteller aus einem armen Land, hatte einen Traum. Wie Martin Luther King, der einst träumte, Amerika sei das Land aller Amerikaner. Ich träumte, ich sei nicht nur ein Mensch, sondern ein Land. Ja, ein Land, das keinen Schlaf finden konnte. Weil es von schrecklichen Dingen heimgesucht wurde. Und aus dieser Angst entstanden Forderungen. Forderungen, die mit Ihnen zu tun hatten, verehrter Herr Präsident. Ich forderte, die Vereinigten Staaten von Amerika sollten ihre Massenvernichtungswaffen zerstören. Aus der schrecklichen Gefahr heraus forderte ich weiter: dass Inspektoren der Vereinten Nationen in Ihr Land entsandt würden. Welche furchtbaren Gefahren hatten mich aufgeschreckt? Welche Ängste weckte Ihr Land in mir? Es waren nicht die Ausgeburten eines Traums, leider. Es sind Tatsachen, die mein Misstrauen erregten. Die Liste ist so groß, dass ich daraus nur einige Punkte herausgreifen will:

– Die Vereinigten Staaten sind das einzige Land, das jemals eine Atombombe auf andere Länder geworfen hat.

– Ihr Land ist das einzige, das jemals vom Internationalen Gerichtshof wegen „illegitimer Gewaltanwendung“ verurteilt wurde.

– Amerikanische Kräfte haben islamische Fundamentalisten (einschließlich des Terroristen Bin Laden) bewaffnet und ausgebildet unter dem Vorwand, die russischen Invasoren in Afghanistan zu entmachten.

– Das Regime des Saddam Hussein wurde von den USA unterstützt, als es die schlimmsten Gräuel an den Irakern beging (auch den Giftgaseinsatz gegen die Kurden 1988).

– Wie so viele legitime Führer, wurde der Afrikaner Patrice Lumumba mit Hilfe der CIA ermordet. Nachdem er gefangen genommen, gefoltert und erschossen worden war, wurde sein Körper in Säure aufgelöst.

– Wie so viele ander Ströhmänner, wurde Mobutu Sese Seko von Ihren Agenten an die Macht gebracht und gewährte der amerikanischen Spionage besondere Privillegien. Das Hauptquartier der CIA in Zaire wurde zu einem der größten in Afrika. Die brutale Diktatur dieses Zairers war nie Gegenstand der US-amerikanischen Kritik, bis er 1992 schließlich nicht mehr gebraucht wurde.

– Die Invasion Osttimors durch das indonesische Militär ist von den USA unterstützt worden. Als die Gräueltaten bekannt wurden, antwortete die Regierung Clinton, es handele sich um eine „innere Angelegenheit der Regierung Indonesiens, und wir wollen sie nicht aus dieser Verantwortung entlassen“.

– Ihr Land hat Kriminelle beherbergt wie Emmanuel Constant, einen der blutrünstigsten Führer Haitis, dessen Paramilitärs tausende von Unschuldigen massakriert haben. Constant wurde in Abwesenheit verurteilt, und als die neue Regierung Haitis seine Auslieferung verlanngte, wurde dies von der amerikanischen Regierung abgelehnt.

– Im August 1998 bombardierte die amerikanische Luftwaffe die Medikamentenfabrik Al-Shifa im Sudan. Ein Irrtum? Nein, es handelte sich um Rache für die Bombenattentate in Nairobi und Dar-es-Saalam.

– Im Dezember 1987 waren die USA das einzige Land (neben Israel), das gegen eine Resolution stimmte, die den internationalen Terrorismus veruteilen sollte. Dennoch wurde die Resolution mit den Stimmen von einhundertdreiundfünfzig Ländern angenommen.

– 1953 unterstützte die CIA die Vorbereitung zu einem Staatsstreich im Iran, in dessen Folge tausende Kommunisten der Tudeh-Partei abgeschlachtet wurden. Die Liste der von der CIA vobereiteten Staatsstreiche ist lang.

– Seit dem zweiten Weltkrieg bombardierten die USA: China (1945-46), Korea und China (1950-53), Guatemala (1954), Indonesien (1958), Cuba (1959-1961), Guatemala (1960), Kongo (1964), Peru (1965), Laos (1961-1973), Vietnam (1961-1973), Kambodscha (1969-1970), Guatemala (1967-1973), Granada (1983), Libanon (1983-1984), Libyen (1986), El Salvador (1980), Nicaragua (1980), Iran (1987), Panama (1989), Irak (1990-2001), Kuwait (1991), Somalia (1993), Bosnien (1994-1995), Sudan (1998), Afghanistan (1998), Jugoslawien (1999).

– Die USA praktizierten Terrorismus mit biologischen und chemischen Kampfstoffen: Agent Orange und Entlaubungsmitteln in Vietnam, Pestviren, mit denen sie in Cuba die Schweinezucht auf Jahre verwüsteten.

– Das Wall Street Journal veröffentlichte einen Bericht, nach dem in Folge des Einsatzes chemischer Kampfstoffe in Vietnam 500.000 Kinder mit Missbildungen zur Welt gekommen sind.

Ich bin aus meinem Albtraum erwacht in den Albtraum der Realitäte. Der Krieg, den Sie, Herr Präsident unbedingt anzetteln mussten, kann uns von einem Diktator befreien. Aber danach werden wir alle ärmer sein. Unsere ohnehin schon schwächliche Wirtschaft wird noch mehr Probleme bekommen und wir werden noch weniger Hoffnung haben auf eine Zukunft, in der Vernunft und Moral herrschen. Wir werden noch weniger Vertrauen haben in die Kraft der Vereinten Nationen und die Konventionen des Völkerrechts. Kurzum, wir werden noch einsamer sein und noch verzweifelter.

Herr Präsident:

Der Irak ist nicht Saddam. Es sind 22 Millionen Mütter und Kinder und Männer, die arbeiten und träumen, wie es auch die Menschen in Nordamerika tun. Die Verbrechen des Regimes Saddam Hussein machen uns Sorge. Doch darüber wird der Schrecken des ersten Golfkrieges vergessen, in dem über 150.000 Menschen ihr Leben verloren.

Nicht durch die Waffen Saddams sterben die Iraker in Massen. Sondern an den Sanktionen, die zu einer humanitären Katastrophe geführt haben, die so groß ist, dass zwei der Koordenatoren für humanitäre Hilfe der Vereinten Nationen (Dennis Halliday und Hans von Sponeck) aus Protest gegen eben diese Sanktionen zurückgetreten sind. Zur Begründung seines Rücktritts schrieb Halliday: „Wir zerstören eine ganze Gesellschaft. Es ist ebenso einfach wie grausam. Es ist illegal und unmoralisch.“ Dieses System der Sanktionen hat bereits eine halbe Million irakischer Kinder getötet.

Doch der Krieg gegen den Irak beginnt nicht erst jetzt. Er hat bereits vor langer Zeit begonnen. In den Flugverbotszonen im Norden und Süden Iraks wird seit 12 Jahren ununterbrochen gebombt. Man schätzt, dass 500 Iraker seit 1999 dadurch umgekommen sind. Bei der Bombardierung wurde auch abgereichtertes Uran eingesetzt (300 Tonnen. Das ist 30 Mal mehr als im Kosovo).

Wir werden Saddam loswerden. Doch wir bleiben gefangen in der Logik des Krieges und der Arroganz. Ich möchte nicht, dass meine Kinder (und auch nicht Ihre) vom Gespenst der Angst beherrscht werden. Und nicht, dass sie glauben, nur ruhig leben zu können, wenn sie eine Festung errichten. Und dass sie nur sicher sind, wenn sie ein Vermögen in Waffen investieren. Wie Ihr Land, das 270.000.000.000 Dollar zweihundertsiebzig Milliarden Dollar) jedes Jahr ausgibt, um sein Waffenlager zu pflegen. Sie wissen sehr gut, wie viel man mit dieser Summe machen könnte, um das elende Schicksal von Millionen Menschen zu verbessern.

Der amerikanische Bischof  Monsignore Robert Bowan hat Ihnen ende vergangenen Jahres einen Brief geschickt mit dem Titel "Warum hasst die Welt die USA?". Der Bischof der katholischen Kirche Floridas ist ein Vietnam-Veteran. Er weiß, was Krieg bedeutet und schreibt: "Sie behaupten, die USA stünden im Visier des Terrorismus, weil wir die Demokratie verteidigen, die Freiheit und die Menschenrechte. Wie absurd, Herr President! Wir sind Ziel der Terroristen, weil unsere Regierung in den meisten Ländern der Welt Diktatur, Sklaverei und die Ausbeutung des Menschen verteidigt. Wir sind Ziel der Terroristen, weil wir gehasst werden. und wir werden gehasst, weil unsere Regierung hassenswerte Dinge tut. In wie vielen Ländern haben Agenten unserer Regierung die vom Volk gewählten Regierungen entfernt und sie durch Militärs ersetzt, Strohmänner, die darauf brannten, ihr eigenes Volk an die nordamerikanischen Multis zu verkaufen?" Und der Bischof kommt zu dem Schluss: "Das kanadische Volk hat Demokratie, Freiheit und Menschenrechte, so wie die Bevölkerung Norwegens oder Schwedens. Haben Sie schon einmal von Angriffen auf Botschaften Kanadas, Norwegens oder Schwedens gehört? Wir werden nicht gehasst, weil wir Demokratie haben, Freiheit oder Menschenrechte. Wir werden gehasst, weil unsere Regierung diese Dinge den Völkern in der Dritten Welt nicht gönnt, deren Rohstoffe bei unseren Multinationalen Unternehmen begehrt sind."

Herr Präsident:

Sie scheinen es nicht nötig zu haben, Ihr Recht auf militärische Intervention von einer internationalen Institution legitimieren zu lassen. Wenn wir in Ihrer Argumentation doch wenigstens Moral oder Wahrheit erkennen könnten. Ich und Millionen Bürder sind nicht überzeugt von Ihrer Begründung des Krieges. Wir sähen es lieber, Sie unterschrieben das Kyoto-Protokoll zur Verminderung des Treibhauseffektes. Wir hätten Sie lieber in Durban auf der Internationalen Konferenz gegen Rassismus gesehen.

Machen Sie sich keine Sorgen, Herr Präsident. Uns kleinen Nationen dieser Welt wird es nicht in den Sinn kommen, Ihre Entlassung zu fordern wegen der wiederholten Unterstützung, die Ihre Regierungen, eine nach der anderen, einem Diktator nach dem anderen gewährt haben. Die größte Bedrohung Amerikas sind nicht die Waffen der anderen. Es ist das Universum der Lüge, das um Ihre Bürger herum entstanden ist. Die größte Gefahr ist nicht das Regime Saddams und auch kein anderes Regime. sondern das Überlegenheitsgefühl, das Ihre Regierung zu beflügeln scheint. Ihr Hauptfeind steht nicht außerhalb. Er steht mitten in den USA. Dieser Krieg kann nur von den Amerikanern selbst gewonnen werden..

Ich würde gerne den Sturz von Saddam Hussein feiern. Und mit allen Amerikanern feiern. Aber ohne Falschheit, ohne schwachsinnige Argumentationen. Denn wir, lieber Herr Präsident, wir, die Völker der kleinen Länder besitzen eine Massenerrichtungswaffe: Die Fähigkeit zu denken.

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Mia Couto wurde 1995 in Beira, Mosambik, geboren. Er war Direktor der Nachrichtenagentur Mosambik, der Zeitschrift Tempo und des Jornal de Notícias in Maputo. Er ist einer der bekanntesten portugiesischsprachigen Schriftsteller.


Auf  Deutsch sind erschienen:

Das schlafwandelnde Land.
– Unter dem Frangipanibaum

(leider beide vergriffen)



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