Die
wichtigste Persönlichkeit in der Musik São Paulos Ende der Siebziger,
Anfang der achtziger Jahren hat Brasilien in einer Juninacht verlassen, in
Richtung eines Ortes, an dem es vermutlich gerechter zugeht, als in diesem
Land, das so komplex ist in sozialen Fragen und so voller Komplexe was die
eigene Kultur angeht. Trotz des enormen Fortschritts, den der Urnengang im
vergangenen November in Gang gesetzt hat, werden wir noch lang bitter an
unseren Miderwertigkeitsgefühl zu leiden haben, das sich in seiner ganzen
Härte in nichts als oberflächlicher Eitelkeit verkleidet. Denn
wie kann es sein, dass Itamar Assumpção, der Komponist,
Sänger und Schauspieler, der bereits 1979 auf einem Festival des ruhmvollen
TV Tupi entdeckt wurde, mit 53 Jahren an Krebs sterben konnte, ohne dass
die Brasilianer seine Musik auswendig können? Ja, fast niemand hörte
ihn, als er »Isso não vai ficar assim« sang, und noch weniger
»Milágrimas«, sein brillantes Duo mit Alice Ruiz. Es stimmt
wohl, dass Cássia Eller, unsere härteste Interpretin der letzten
Jahrzehnte, auf ihren besten Platten Itamars Lieder predigte, wie beispielsweise
»Sonhei que viajava Com Você« auf dem Album
»Marginal«, »Aprendiz de Feiticeiro« auf der Platte
»Com Você« ... »Meu Mundo Ficaria Completo« oder
»Já deu Prá Sentir« von ihrem Debütalbum
»Cássia«, wo sie eine wohlkonstruierte Kollage
präsentierte, die Itamar Assumpção mit Marcus Miller,
dem Bassisten von Miles Davis in Bezug setzte. Aber wer spielte das im Radio?
Nun ja, weder Cássia Eller noch Ney Matogrosso noch Ná Ozetti
noch Zélia Duncan - die immer scharf darauf gewesen war, eine ganze
CD nur mit Itamar-Assumpção-Stücken aufzunehmen -, ihnen
allen gelang es nicht, das brutale Spiel der Musikindustrie ausreichend zu
unterwandern um Itamar Assumpção ein für alle mal auf
den Platz zu stellen, der ihm zustand: den Olymp des brasilianischen
»Suingue«, an der der Seite von Jorge Ben Jor, Tim Maia oder Carlinhos
Brown.
Itamar Assumpção wurde von vielen schrägen Leuten aufgenommen,
angefangen bei den Kampfgefährten aus den Kellern des Teatro Lira
Paulistana, wie Arrigo Barnabé - seinem größten ideologischen
Weggefährten -, Tetê Espíndola, Suzana Salles, Neusa Pinheiro
und Alzira Espíndola. Sein Ansehen bei den jüngeren
Künstlerinnen und Künstlern zeigte sich in seinem deutlichen Einfluss
auf die Arbeit von Chico César, Zeca Baleiro, Vange Milliet und
Virgínia Rosa (um nur einige zu nennen), ohne dass das Offensichtliche
dabei verdeckt worden wäre: Der beste Interpret Itamar
Assumpçãos, dem selbsternannten »Nego Dito«, dem
»sprichwörtlichen Schwarzen«, vulgo »Beleléu«
war er selbst.
Gesegneter Itamar, verkorkster Engel
»Ein
Mann mit einem Schmerz ist viel eleganter. Er läuft so an der Seite,
als könne er, zu spät kommend, viel weiter gehen.« Der Text
von Paulo Leminski konnte nirgendwohin besser gelangen, als in die Hände
dieses edlen Bürgers, 1949 geboren in der Stadt Tietê, im Hinterland
von São Paulo. Der Lyrik verbunden, Jimi Hendrix, Cartola, Miles Davis,
Clementina de Jesus und jeder Menge Experimentellem, zeigte Itamar sein Gesicht
im Fernsehen zu einer Zeit, als die Musikfestivals bereits diskreditiert
waren. Die erste Waffe, die er als rebellischer Künstler in die Hand
nahm war der Bass, im Angriff auf »Sabor de Veneno« aus der Feder
von Arrigo Barnabé, einem Künstler aus Paraná, wie er
aus der städtischen Peripherie, der genügend Talent und Mut hatte,
eine gewisse »Vanguarda Paulistana«, die São-Paulo-Avantgarde
loszutreten. Dabei handelte es sich nicht um irgend eine Bewegung, die
Künstler waren zum einen so verschieden voneinander und zum anderen
hatten sie gar nicht die Intention, eine Bewegung zu gründen. Da die
großen Plattenfirmen den Künstlern, die in ästhetische Neuerungen
investierten, verschlossen waren, behalf man sich mit unabhängigen
Produktionen, eine Haltung die bereits »Feito em Casa« von
Antônio Adolfo oder die erste Platte von Boca Livre, einen großen
kommerziellen Erfolg, hervorgebracht hatte. Als Speerspitze der Entwicklung
in Brasilien versorgte sich São Paulo am Anfang der achtziger Jahre
mit hunderten von Pop/Rock-Bands, die das Medienzentrum des Landes im Sound
von Itamar Assumpção, Grupo Rumo, Premeditando o Breque und
Língua de Trapo wiegten, oder auch mit den Leuten von den Titãs
oder Ira!, um nur einige zu nennen.
Wenn die Vanguarda Paulistana eine profan-heilige Dreieinigkeit
hatte, dann waren dies Arrigo Barnabé, Tetê Espíndola
und Itamar Assumpção. Tetê Espíndola kommt aus
Mato Grosso, aus dem Pantanal mit seinen mytologischen Wesen, die in dem
spitzen, übernatürlichen Gesang dieser Künstlerin einen wichtigen
Platz einnehmen, wie ihre erste Platte »Tetê e o Liro Selvagem«
beweist. Arrigo Barnabé, der Gelehrte des Trios, war der Kerl, der
Zwölftonmusik mit Comicstrips mischte und immer jede Menge Sarkasmus
gegen die konsumistische Gesellschaft der großen Städte Brasiliens
hineinlegte. Die Protagonisten seiner Opern, seiner Platten, sind schlicht
monströs aus der einfachen Tatsache heraus, dass sie in der so genannten
»wirklichen« Welt keinen Platz haben. Und so verhielt es sich auch
mit dem »Nego Dito«, dem »sprichwörtlichen Neger«
von Itamar Assumpção, einem Schwarzen, dem größten
»Bullenköder« (Isca de Polícia), wie er seine Begleitband
taufte, und den diversen Figuren, die durch seine Lieder wimmeln: Dem Kerl,
der ein wassergetriebenes Auto erfand und seine Untat vergessen möchte,
dem Ehemann, der weiß dass er mit all seinen Unzulänglichkeiten
noch das kleinste der Übel ist oder dem Schöpferwesen der sich
echauffiert, dass es erst so spät in der Menschheitsgeschichte auftaucht,
dass alles schon geschaffen ist. Itamar Assumpção legte stets
Wert darauf, draußen zu bleiben, ungeachtet seines überbordenden
Talents, das es ihm ermöglicht hätte, jedwede Struktur von innen
zu unterwandern.
Doch der »Nego Dito« war ein jähzorniger Typ. Mit Eulen und
Sperlingen, Schmetterlingen und ähnlichem im Kopf, verschloss er sich
in sich selbst und nährte seine Vorbehalte gegen viele der Kanäle,
die seine Kunst propagierten. Man sagt, Itamar sei der Hauptverantwortliche
für seine relative Anonymität, indem er so oft vor Mikrophonen
und Kameras entwischte, die als Komplizen seines Genies um ihn herum aufgestellt
waren. Bitter über den Erfolg anderer, war Itamar auch ein zorniger
Geist, der fast niemanden wahrnahm außer sich selbst.
Die Platte mit Naná Vasconcelos
Als sein Krebs festgestellt wurde, stand Itamar kurz vor seinem jüngsten
musikalischen Projekt. Der Perkussionist und Produzent Naná Vasconcelos
hatte ihn eingeladen, ein gemeinsames Album aufzunehmen, das als Doppel-CD
die gegenseitige Bewunderung des pernambukanischen Musikers und des Komponisten,
der Samba mit Reggae, Funk und Rock ohne größere
Pop-Missverständnisse gemischt hatte. Zeca Baleiro, der große
Katalysator der brasilianischen Musik war einer der Hauptverantwortlichen
für das Projekt, das schließlich wegen Itamars Sprunghaftigkeit
abgebrochen werden musste. Bei den Aufnahmen, war Itamar vollkommen begeistert
von den Ergebnissen im Studio und erklärte: »Als ich begann, mich
eingehender mit Musik zu befassen, hörte ich Naná mit »Som
Imaginário«. Es war das erste Mal, dass ich hörte, wie jemand
Perkussion mit der Stimme machte, auf dieser Platte von Milton (Nascimento),
wo »Pai Grande« drauf ist. Ich hab mir gesagt, das isses, los
gehts.« Und so begann der Zauber.
Das Zusammentreffen der beiden Musiker war purer Rhythmus. Die Stücke
wurden - so wurde mir versichert - von Itamar geschrieben und Naná
Vasconcelos hatte alle alle Freiheiten der Welt für seine instrumentalen
Ausflüge. Es atmete den Geist einer Clementina de Jesus, die auf den
rituellen Terreiro des Candomblé herabfährt. Da war der Vater
des Francisco José Itamar Assumpção als Bezug zum
Candomblé und Naná Vasconcelos ganzes Arsenal an musikalischer
Kenntnis, das dem großen Schöpfer der »Vanguarda
Paulistana« zur Verfügung stand. Doch aufgrund des Zerwürfnisses
zwischen den Künstlern und den Produzenten musste das Album bis nach
Itamars Tod warten und wird hoffentlich noch erscheinen, gezwungenermaßen
posthum und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Itamar
Assumpção mit dem nahenden Ende zunehmend neben sich stand.
Itamar Assumpção folgt Ataulfo Alves, dem Komponisten, dem
er in seiner legendären tribute-CD von 1996 »Pra Sempre Agora«
ein Denkmal setzte, er wird Cássia Eller wiedersehhen, Adoniran Barbosa,
Jimi, Miles und Elis Regina. Bevor er ging, nahm er noch einige der
interssantesten Platten auf, die in Brasilien seit Beginn der Achtzigerjahre
produziert wurden. Sieben an der Zahl: Beleléu Leléu e Eu (1980);
Ás Próprias Custas S.A. (1983); Sampa Midnight (1986),
Intercontinental, Quem Diria? Era Só O Que Faltava (1988), Bicho de
Sete Cabeças (Doppel-CD, 1993), Ataulfo Alves por Itamar
Assumpção - Pra Sempre Agora (1996), Pretobrás - Por
Que Não Pensei Nisso Antes? (1998).
Bevor er endgültig ging, hinterließ er auf einem Zettel noch eine
Botschaft an Brasilien:
»Deus te Preteje!«, ein Wortspiel aus »Gott schütze
dich« und »Gott schwärze dich«.
Das war`s, schwarzer Gigant, es hat sich gelohnt!
Felipe Tadeu
Brasilkult@aol.com
Übersetzung: Michael Kegler |