Sie ist die beste portugiesische Sängerin der Gegenwart.
Maria João Monteiro Grancha, geboren in Lissabon am 27.
Juni 1956, gefeiert auf den Jazzfestivals der Welt als begnadetste Stimme
aus dem Land des Fado, ohne sich jedoch diesem beugen zu müssen. Wie
immer von Mário Laginha, dem herausragenden Pianisten und Komponisten
begleitet, veröffentlichte sie in diesem Jahr die Platte
Undercovers, auf dem die experimentierfreudige Interpretin ein Repertoire
ausbreitet, das von Tom Waits bis zu den Beatles reicht, mit Umwegen über
Björk, Sting, Stevie Wonder und Joni Mitchell. Die brasilianische Musik
ist, fast selbstverständlich schon, mit vier Stücken vertreten:
»Quereres« von Caetano Veloso, »Este seu Olhar« von Tom
Jobim, »O Marco Marciano« von Lenine und Braúlio Tavares
sowie »Cantiga (Caicó)« dem folkloristischen Thema von Villa
Lobos, das Milton Nascimento bereits auf seinem Album Sentinela verewigte.
Maria
João hat sich immer schon den Klängen Brasiliens gewidmet und
im Verlauf ihrer Diskografie nicht weniger als dreizehn brasilianische Titel
eingespielt, wie etwa »Se Eu Quiser falar com Deus« von Gilberto
Gil, »O Ronco da Cuíca« von João Bosco und Aldir
Blanc sowie »Beatriz« und »A Bela e a Fera« von Chico
Buarque und Edu Lobo aus dem Soundtrack zu O Grande Circo Místico.
Außerdem »Asa Branca«, den Klassiker von Luiz Gonzaga und
Humberto Teixeira. Und im Jahr 2000, als Brasilien 500 Jahre Entdeckung durch
die Portugiesen feierte, veröffentlichte sie Chorinho Feliz,
eine wahre Liebeserklärung an das Land des Pandeiro und die gemeinsame
afrikanische Vergangenheit Brasiliens und Portugals. Immer wieder lässt
sie sich auch von hochkarätigen brasilianischen Musikern begleiten,
wie etwa von Toninho Horta, Nico Assumpção oder Toninho Ferraguti,
um nur einige zu nennen. Und sie liebt die Musik des Nordosten!
Auf ihrer Tournee mit Undercovers gewährte uns Maria João
in der Darmstädter »Centralstation« ein Exklusivinterview.
Das Interview führten Felipe Tadeu
Brasilkult@aol.com und Renate Hess.
Übersetzung: Michael Kegler
Wie läuft die Tournee mit Undercovers? Ist das Jazzpublikum
verstört über so viel Pop im Repertoire?
Das ist gut angekommen, sehr gut sogar. Die Leute reagieren sehr gut, wundern
sich etwas über die Stücke auf der Platte, aber aus den Konzerten
gehen sie sehr glücklich nach Hause.
Wer sich den Tourneeplan anschaut, bemerkt, dass du in Deutschland
sehr beliebt bist.
Ja, das ist so eine Art zweite Heimat für uns. Hier haben wir die meisten
Konzerte unserer Karriere gegeben, wenn man es so nennen möchte. Ich
mag das Wort »Karriere« nicht besonders. In Deutschland habe ich
die Leute getroffen, mit denen ich meine Platten gemacht habe, die Plattenfirmen,
die Produzenten.
Bevor du in die Welt der Musik eingetaucht bist, hast du dich
dem Studium von Fremdsprachen gewidmet. Hat dich diese besondere Vorliebe
für Deutschland zum Deutsch Lernen verleitet? Könntest du dir
vorstellen, in dieser Sprache, die so weit von unserem lateinischen Ursprung
entfernt ist, zu singen?
Ich habe Deutsch in der Schule gelernt, und habe das dann hier in Deutschland
immer ein bisschen verbessert. Ich mag die deutsche Sprache, ihren Klang.
Ich mag den Klang der Straßen, zu hören, wie die Leute sprechen
und den Rhythmus ihrer Schuhe, der Eisenbahnen. Ich interessiere mich für
Worte wegen ihres Klangs, ihre Bedeutung kommt für mich erst danach.
Ich habe schon zwei Mal in Deutsch gesungen. Das war eine Komposition von
Aki Takase (der japanichen Pianisten, mit der Maria João oft auf der
Bühne stand und bereits mehrere Alben aufgenommen hat - A.d.R.). Ihr
Mann spricht Deutsch. Aber das war nur so ein Gag für mich. Mein
linguistisches Spektrum bewegt sich in dem Dreieck zwischen Afrika, Portugal
und Brasilien. Hier bin ich zu Hause. »Minha Praia«, mein Strand,
wie ihr in Brasilien sagt. Afrika hat so viele Sprachen, die ich gerne sprechen
und singen können würde. Sie sind sehr melodiös, sehr witzig.
Auf Deutsch wüsste ich nicht, wie ich das machen sollte.
Deine ersten musikalischen Gehversuche waren in einer Rockband
Das war ganz am Anfang, in einer Folk-Rock-Band. Und es ist nichts aus der
Gruppe geworden, weil wir immer nur geprobt haben. Ich war nur einen Monat
dabei, und wir haben jeden Tag geprobt, bis ich es leid war. Da haben sie
die Jazzschule am Hot Club aufgemacht und mich gefragt, warum gehst du nicht
dahin? Und da bin ich hingegangen.
Mochtest du Rock, damals?
Ich gab damals Schwimmunterricht und machte Aikido wie eine Verrückte,
trainierte jeden Tag. Ich dachte, ich würde für immer Schwimmlehrerin
bleiben und dann auch Aikido-Stunden geben. Dass ich einmal Musik machen
würde, lag mir fern. Das ist mir zufällig passiert. Mein Musikgeschmack
war nicht einmal besonders ausgeprägt. Ich mochte dieses und jenes.
Vielleicht habe ich einfach viel Glück gehabt, dass ich in der Jazzschule
des Hot Club angefangen habe, denn da habe ich mich komplett dem Jazz zugewandt.
Und der Jazz ist die beste Schule, sehr frei, sehr erfinderisch, kreativ.
Das war hervorragend, wirklich! Ich blieb nicht lang auf dieser Schule, ganze
sechs Monate, aber mit dem Jazz hat alles angefangen.
Hörten deine Eltern Jazz zuhause?
Nein, meine Eltern hörten eigentlich überhaupt keine Musik.
Es ist erstaunlich, dass du, als Jazzsängerin auf die
brasilianische Musik gekommen bist, und zwar nicht über die
Bossa-Nova.
Tatsächlich. Ich finde die Rhythmen des Nordosten viel reizvoller, ich
liebe sie. Ich höre unheimlich gern Bossa Nova, aber das ist für
mich zu glatt, zu aufgeräumt. Der brasilianische Nordosten hat Musik,
die viel kantiger ist, primitiver, mit Perkussion, und das mag ich sehr.
Ich verehre Lenine!
Eine Provokation: Findest du das brasilianische Portugiesisch
auch musikalischer als das lusitanische Portugiesisch, das ihr Portugiesen
sprecht?
Die portugiesische Musik verlangt mehr Strenge. Wir erfinden weniger,
während die Brasilianer mehr spielen, erfinden, wie die Afrikaner. In
Portugal ist da mehr Strenge in der Sprache, aber in Moçambique zum
Beispiel gibt es sehr witzige Sachen, wie zum Beispiel »conseguir«
und »desconseguir«, gelingen und »ungelingen«. Ich mag
die brasilianische Ausdrucksweise wegen der Freiheit, die sie sich mit den
Worten erlaubt, aber auch das portugiesische Portugiesisch hat eine sehr
schöne Melodie, eine wunderschöne Poesie.
Chorinho Feliz, das im Jahr 2000 herauskam, ist eine große
Verbeugung vor der brasilianischen Musik, die auch auf deinen anderen Platten
immer präsent ist. Wie kommt deine Arbeit in Brasilien selbst an?
Noch nicht so sehr. Brasilien ist sehr in sich selbst verschlossen, betreibt
seine eigene Nabelschau. Das kommt, weil es praktisch alles im Land selbst
gibt, in diesem riesigen Land mit seinen vielen verschiedenen Rhythmen. Es
gibt viel mehr Möglichkeiten für euch Brasilianer, als für
uns Portugiesen. Wir sind nur 10 Millionen. São Paulo allein ist
größer als Portugal! Die Brasilianier hören nur sich selbst
und die amerikanische Musik, glaube ich. Ich glaube nicht, dass Brasilien
der europäischen Musik viel Beachtung schenkt. Aber was die Aufnahme
beim Publikum angeht, werden wir immer sehr gut aufgenommen, die menschliche
Wärme in Brasilien ist etwas Besonderes. Und ihr Brasilianier staunt
immer, wenn ihr erfahrt, dass wir Portugiesen sind. Also ich glaube schon,
dass unsere Arbeit in der brasilianischen Musikszene bekannt ist, zumindest
besser als beim Pulikum.
Du bist in Brasilien mit Gilberto Gil aufgetreten. Wie war diese
Erfahrung für dich?
Ich bin einmal mit ihm am Strand von Ipanema, Rio de Janeiro aufgetreten,
vor ungefähr siebzigtausend Leuten, und einmal im Parque do Ibirapuera,
in São Paulo, wo wir an die hunderttausend Zuschauer hatten. Das war
fast erschreckend, ich habe es genossen, so sehr genossen! Etwas, was ich
für mein Leben gern machen würde, wäre eine Tournee durch
Brasilien.
Waren das die meisten Zuschauer in deiner Karriere?
Nein, in Italien hatte ich mal ein gigantisches Publikum, mit fast einer
Million.
Du hast öfters mal in der Presse gesagt, dass die zwei
Sängerinnen, die dich am meisten fasziniert haben, Elis Regina und Flora
Purim seien. Aber es gibt Leute, die in deiner Arbeit auch Ähnlichkeiten
mit der von Tetê Espíndola sehen. Kennst du sie?
Ich kenne sie schon. Sie hat mich schon oft angerufen, dass wir etwas gemeinsam
machen sollten. Sie würde gern nach Portugal kommen, mit mir singen,
und ich würde gern mehr in Brasilien machen. Ich kenne nur eine Platte
von Tetê, aber die hat mir gut gefallen.
Auf Chorinho Feliz tritt Gilberto Gil auf und singt auf
»O Chão da Terra« in Xangana. Wie hat sich Gilberto Gil
darauf vorbereitet, in dieser afrikanischen Sprache zu singen?
Er musste es auswendig lernen, da half nichts (lacht)! Ich habe es ihm Satz
für Satz vorgesprochen, was er singen sollte. Alles schon im Studio.
Ich hatte ihm den Text vorher geschickt, aber er konnte es nicht vorher lernen.
Hat er dann alles richtig gesungen, oder hat er sich in der Aussprache
vertan?
Ein bisschen Unsinn ist dabei, aber das gehört dazu. Aber nur ein bisschen
(lacht).
Eine der größten Ikonen der brasilianischen Kultur im
Ausland ist Carmen Miranda, die ja von Geburt Portugiesin war. Was hältst
du von ihr?
Ich kenne nur sehr wenig von ihr, aus Videos von meinem Sohn, wo sie mit
Donald Duck auftritt. Ich glaube, es war Donald Duck, wo sie »Tico Tico
no Fubá« singt.
War das nicht Zé Carioca?
Genau der! Das ist alles, was ich von Carmen Miranda kenne, muss ich sagen. |