Chico
César war auch im Super-Sommer 2003 auf Europa-Tournee. Begleitet
von einer exakt auf ihn eingeschworenen Band, mit Swami Jr. am Bass, der
Blechbläserin Simone Julian, em Perkussionisten Guilherme Kastrup und
Marcelo Jeneci an Keyboard und Akkordeon.
Im Gepäck hatte der Paraibanische Künstler aus Catolé do
Rocha, die Stücke seiner aktuellen CD Respeitem Meus Cabelos,
Brancos, sowie ein ganzes Bündel an Erfolgstiteln wie »Mama
África«, »Onde Estará o Meu Amor?« und
»À Primeira Vista«. Und wie bei ihm bereits üblich
fanden die meisten seiner europäischen Konzerte in Deutschland statt.
Wir trafen ihm Kasseler Kulturzelt. Dort führten wir das Interview,
und der edle Mitbürger Francisco César Gonçalves gab uns
einmal mehr eine Kostprobe seines kritischen Geistes und seiner
Aufrichtigkeit.
Du kommst jedes Jahr nach Europa. Wo bist du hier am
erfolgreichsten?
Am meisten spiele ich in Deutschland, aber es gibt
auch ganz besondere Ereignisse anderswo. In Portugal etwa oder in Spanien.
In Barcelona gibt es sogar einen Club der Freunde von Chico César.
Eine Gruppe, nicht wirklich ein Fan-Club. Leute, die auch Chico Science
mögen, Tom Jobim, das Weltsozialforum, Cachaça, Caipirinha; die
gegen die Globalisierung sind, Chiapas mögen und Manu Chao. Kurz gesagt,
eine ganze Ideologie.
Schön, die Ikone eine Gruppe von cleveren Leuten zu sein
...
Ich bin ja selbst Mitglied in diesem Club, immerhin habe ich einen Euro zahlen
müssen, um einen Mitgliedsausweis ausgehändigt zu bekommen. Ich
bin Mitglied Nummer null, sozusagen »mein allererster Freund«.
Am Anfang bestand der Club nur aus zwei Mädchen, die ich nicht einmal
persönlich kannte, nie gesehen hatte. Die haben beschlossen, diese Bewegung
zu gründen und haben mir übers Internet Infomationen geschickt
und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ihrem Club beizutreten. Jetzt,
als ich in Barcelona aufgetreten bin, waren es etwa vierzig Leute, die alle
meine Lieder hoch und runter mitgesungen haben. Das sind Leute, die sich
für Straßenkinder einsetzen, für andere Länder aktiv
sind oder zum Weltsozialforum in Porto Alegre fahren, und das nicht nur,
um sich dort zu verlieben und Spaß zu haben.
Das freut mich sehr, denn es ist ein Zeichen, dass die Saat, die ich vor
vielen Jahren in Europa, mit dem ich viel verbinde, gelegt habe, jetzt
Früchte trägt. Klar gibt es Berührungspunkte zwischen mir
und Ben Jor, Lenine, Brown und Daniela Mercury, aber jeder von uns hat seine
Besonderheiten. Meine werden immer klarer, nämlich, dass ich ein
Künstler bin, der aus dem Untergrund kommt, zwar schon lage dort
herausgetreten ist und Zugang zum Mainstream bekommen hat. Ich spiele dort
aber nur mit, weil ich mich frei ausdrücken kann. Meine Platten entsprechen
meinem Ausdruck und nicht der Notwendigkeit, Geld zu verdienen. Das führt
dazu, dass meine Arbeit manchmal nicht wirklich verstanden wird in einer
Welt, in der die Logik dahin geht, dass Künstler immer mehr Geld verdienen,
immer ganz oben auf jeder Welle mit schwimmen müssen und so.
Ich möchte schon bekannt sein, respektiert, in der Art, dass meine Arbeit
im Kontakt steht mit der anderer Leute, die ich bewundere. In Europa wird
das nun deutlich. In Brasilien ist es das schon. Aber auch: »der Chico
ist irgendwie ein Fall für sich«.
Du hast ein besonderes Verhältnis zu Deutschland. Hast hier
schon eine Weile gelebt, hier wichtige Entscheidungen getroffen, was deine
musikalische Karriere angeht. Was gefällt dir an diesem Land, seiner
Kultur?
Meine Verbindung zu Deutschland stammt schon aus der Kindheit. Ich war auf
einer Schule, die von Nonnen geführt wurde, die vor dem Weltkrieg nach
Brasilen geflohen waren. Meine Tante wusch für sie und so bekam ich
ein Stipendium für ihre Schule. Meine Kindheit habe ich im strengen
»Colégio Normal Francisca Mendes« verbracht. Das war im
Prinzip ein Mädcheninternat. Mit meinem Eintritt hörte es auf,
ein reines Internat zu sein und öffnete sich auch für Jungs. Es
gab viele Frauen auf wenige Männer, und die Nonnen selbst ware auch
nicht mehr alle Deutsche. Viele waren ehemalige brasilanische Schülerinnen.
Aber die Leitung war immer noch rein Deutsch mit den Schwestern, die aus
Deutschland gekommen waren, an der Spitze. Diese Mischung aus Humanismus
mit Strenge und Organisation hat mir immer sehr gefallen. Und von klein auf
war mir klar, wo die Grenze zur rein reaktionären Begrenzung der
Meinungsfreiheit verlief. Oft wollen die Leute, dass alles geordnet abläuft
und dann führt dies zur Einschränkung ihrer Ausdruckskraft. Viele
Leute sehen die Deutschen so an, als ein bisschen beschränkt. Ich dagegen
habe schon viele verrückte Deutsche kennen gelernt. Ich erinnere mich
gut, wie merkwürdig diese kleinen Heiligen waren mit ihren Aufschriften
in Fraktur und ich überhaupt nichts verstand. Dass ich in diese Schule
kam, ermöglichte mir, in Kontakt mit Musik zu kommen, mit Theater, Kunst
und dieser Art Strenge und Neugier.
War es eine evangelische Schule?
Nein, katholische Franziskaner. Später erkannte ich, was für einen
Schatz diese Schule in unserer Stadt darstellte. Es gibt sie übrigens
heute noch, aber nicht mehr so strahlend wie damals. Einmal in São
Paulo habe ich meine Nichte zur Schule gebracht, in eine eher alternative
Schule, und per Zufall traf ich eine alte Freundin, die dort als Lehrerin
arbeitete. Sie erzählte mir: »Schau mal Chico, wie toll, wir haben
ein Klavier im Auditorium unserer Schule!« Und ich sagte ihr,
»Verzeihung, aber in der Schule, auf die ich als Kind gegangen bin,
da hatten wir vier Klaviere.« Sie hat mich dann gefragt, ob ich in Europa
zur Schule gegangen bin, aber nein, es war im Sertão von Paraíba.
Es war eine Zeit, in der die Leute die Kultur sehr hoch angesehen haben,
die Musik. Meine Verbindung mit Deutschland begann also schon sehr früh.
Dann, als ich zum ersten Mal nach Europa gereist bin, war das ausgerechnet
nach Deutschland, dank Malu Fontenelle von der
Deutsch-brasilianischen Kulturgesellschaft in Tübingen, die mich eingeladen
hatte, ein paar Konzerte hier zu geben. Ich habe auch einige Freunde, die
auf der Waldorfschule waren. Simone Julian zu Beispiel, aus meiner Band.
Ist schon kurios meine Verbindung nach Deutschland. Vielleicht lebe ich eines
Tages einmal ein halbes Jahr am Stück hier, weißt du?
Deutschland war auch dein erster Auslandsaufenthalt,
stimmt's?
Stimmt. Ich bin alleine gekommen und habe erst mal am Frankfurter Flughafen
die volle Ladung der Grenzer abbekommen. Dann habe ich mein Adressbuch verloren
und es war nicht wirklich einfach, nach Tübingen zu kommen. Es gab aber
eine Menge Leute, die mir geholfen haben. Manchmal war ich so in der S-Bahn
oder auf dem Bahnhof und habe irgendwen angeschaut, einen Punk, eine Nonne
und dann: »Oh, I'm sorry, I don't speak german«. Sie meinten, ich
könnte Englisch, aber ich konnte kein Wort. Und alle haben mir geholfen.
Sie haben mir sogar die Koffer getragen! Meine Freunde sagten später,
ich sei nicht ganz dicht, und dass kein Deutscher so nett sein könne,
seine Tätigkeit zu unterbrechen, nur um einen armen Schwarzen irgendwohin
zu begleiten. Es gibt aber auch die andere Seite. Dass ich der einzige Passagier
aus diesem Flugzeug war, der nach allen Regeln der Kunst durchsucht und
kontrolliert wurde, hat sicher damit zu tun, dass ich schwarz bin und
Ausländer war.
Das Bühnenbild deiner Show zeigt vier Porträts. Von
Garrincha, Jackson do Pandeiro, der Sklavin Anastácia e Madame Satã.
Was bedeuten sie für dich?
Alle vier haben gemeinsam, dass ihr Defizit zugleich ihre größte
Waffe war. Mit seinen krummen Beinen hätte Garrincha schlicht als
gehbehindert gelten können. Aber er wurde ein grandioser
Fußballspieler. Ein armes Mischlingskind, Nachfahre von Indianern und
schwarzen aus der Kleinstadt Pau Grande in der Nähe von Rio de
Janeiro macht dies plötzlich zu seiner herausragenden positiven Eigenschaft.
Jackson do Pandeiro aus dem Nordosten, der arme Paraibaner aus Alagoa Grande,
hat mit diesem seinem winzigen Instrument in der brasilianischen Musik die
Synkopen neu erfunden, mit seiner Art zu singen, und Pandeiro zu spielen.
Das ist ein Verdienst, seine »Kleinheit«, sein »Problem«
zu einer herausragenden positiven Eigenschaft zu wenden. Madame Satã
könnte man sagen, war ein Kerl in seiner Weiblichkeit. Stell dir mal
vor, der Typ lebt mitten in Lapa, da wo es brodelt, im Rio de Janeiro der
fünfziger Jahre, schwarz, arm und ein bekennender Schwuler, immer im
Konflikt mit der Polizei. Drei, vier von ihnen hat er umgelegt, und dabei
auch noch bedürftige Menschen unterstützt. Anastácia, die
Sklawin in Brasilien aber Königin in Afrika gewesen war, lebt ewig,
weil sie aus dem Schweigen, das ihr aufgelegt worden ist, einen Protestschrei
gemacht hat, ein Banner und eine Stimme. Einen Schrei nach Freiheit für
alle Schwarzen. Diese Botschaft haben die vier für mich gemeinsam.
Vor kurzem hat Brasilien Itamar
Assumpção verloren, einen sehr besonderen Künstler
für die Musikszene der letzten Jahrzehnte. Kannst du uns etwas
erzählen über dein Verhältnis zu ihm? Ihr habt doch zusammen
gearbeitet?
Itamar ist am »dia dos namorados«, dem Tag der Verliebten gestorben.
An Krebs. Er wußte seit vier Jahren, dass er die Krankheit hatte und
hat bis zu letzt komponiert und Projekte gemacht. Ich glaube er starb
glücklich, denn er hatte eine Enkelin bekommen, Rubi, die Tochter von
Anelis. Schon als ich noch in João Pessoa lebte, hörte ich Itamar
Assumpção und Arribo Barnabé ich kann mir den
einen nicht ohne den anderen denken. Damals war meine Band Jaguaribe Carna
mit den Brüdern Paulo Ró und Pedro Osmar Vorgruppe für Arrigo.
Die Show hieß »Clara Crocodilo«, 1982 oder 83. Vânia
Bastos hat gesungen, Tonho Penhasco an der Gitarre und eine super Gruppe.
Als ich Arrigo Barnabé spielen sah, spürte ich, das war eine
klare Botschaft an mich. Dass es in São Paulo einen Platz für
meine Musik gab. Ich spürte, dass ich João Pessoa verlassen musste,
aber nicht, um die Stadt hinter mich zu lassen. Ich wollte nach São
Paulo gehen, um in dem Ambiente dieser Künstler zu leben: Itamar
Assumpção, Arrigo, Tetê Espíndola, Grupo Rumo,
Premeditando o Breque etc. Diese Szene interessierte mich, war für mich
lebenswichtig. Am ersten Tag, als ich in Vila Madalena landete, das war,
glaube ich, am 16. Mai 1985, schien nachts der Mond wunderschön, und
ich saß irgendwo auf dem Bordstein und beobachtete den Betrieb
es war fast nichts los , und da kommt doch der liebe Arrigo Barnabé
vorbei! Im Mantel und alles. Ich erkannte ihn und sagte »guten Tag«,
um das Bild nicht zu zerstören. Und zu mir selbst sagte ich: Ja, das
ist der Ort, wo ich leben muss! Dann lernte ich die Sängerin
Vange Milliet kennen, und wir begannen mit
Itamar zu singen . Sie hat ein paar Demos von mir mitgenommen, und später
hörte Itamar Assumpção mit der Banda Isca de Polícia
auf und gründete die Orquídeas do Brasil. Ich habe dann über
Vange ein paar dieser »Orchideen« gebeten, auch mit mir zu arbeiten:
Tata Fernandes, Simone Soul und Simone Julian. Ich hatte das Glück,
mit Itamar arbeiten zu dürfen. Das wer für mich wie ein Zeichen,
dass ich dort in dieser Umgebung willkommen war, in dieser Welt. Auch wenn
er wusste, dass ich nicht nach São Paulo gekommen war, um im Underground
zu bleiben und nur für ein ausgewähltes Publikum zu spielen.
Außer »Dúvida Cruel«, das du auf deiner
ersten Platte eingespielt hast, gab es noch andere Stücke, die ihr gemeinsam
gemacht habt?
Ich habe ein paar Stücke mit ihm auf Kassette, in der Wohnung von
Tata Fernandes. Sobald ich kann, werde ich mal suchen. Ich glaube, es sind
zwei.
Du arbeitest immer öfter auch als Produzent, für die
Sängerin aus dem Amazonas-Gebiet Eliana Printer, für Miriam Maria,
und auch deine eigene Platte Respeitem Meus Cabelos, Brancos. Bist
du genau so gern im Studio wie auf der Bühne?
Um ehrlich zu sein, mag ich keine Studios (lacht). Aber ich lerne es immer
mehr zu lieben. Auf die Bühne gehe ich dagegen seit meiner Kindheit.
Ich war so einer, der am Muttertag unbedingt auf die Bühne wollte um
ein Gedicht aufzusagen. Als ich zehn Jahre alt war, hatte ich schon eine
Band, weißt du? Aufgenommen habe ich aber erst, als ich 30 war, eine
Live-Platte. Vielleicht wird diese erste Platte deshalb als etwas besonderes
angesehen.. Für viele Leute ist Aos Vivos (1994) meine beste
Platte. Deshalb war ich doch so erleichtert, als ich die neue, Respeitem
Meus Cabelos, Brancos veröffentlicht habe und die Kritik sagte,
es sei meine beste bis jetzt. Ich habe »uff« gemacht, denn so bleibe
ich nicht ewig auf Aos Vivos hängen. Das war doch eine Platte,
die ganz einfach zu machen war. Wenn ich wollte, könnte ich jedes Jahr
eine Aos Vivos machen. Aber so ein Schema lieg mir nicht. Ich hatte
Salif Keita gehört, und da wollte ich diese Dorfakkustik,
Kleinstadtathmosphäre mit dem Urbanen verbinden. Mit der Zeit lernst
du die Möglichkeiten eines Studios zu nutzen, dir andere Leute zu Hilfe
zu holen. Im Klangbild meiner letzten CD, ihrem Konzept, steckt auch Elektronik,
aber sie unterwirft sich ihr nicht. Das ginge nicht. Ich schreibe gern Lieder,
das kann ich gut, und deshalb darf ich nicht zulassen, dass die Elektronik
die erste Geige spielt..
Das heißt, ins Studio gehst du nur zu besonderen
Anlässen.
Ja. Ich habe ein Stück für Elba Ramalho produziert, an der CD von
Miriam Maria fangen wir gerade an zu arbeiten, ich und Simone Soul.
Wahrscheinlich produziere ich auch Zezo Ribeiro, einen brasilianischen
Violinisten, der in Madrid lebt, weil er dort Flamenco-Gitarre studiert,
aber nun was anderes machen möchte, eine Platte mit Liedern. Wir wollen
die Platte ziemlich schnell aufnehmen. Nur Stimme und Gitarre und sie auf
dem europäischen Markt herausbringen.
Was bringt die Europa-Tournee 2003 uns Neues?
Wir nehmen eine DVD auf mit einem Team aus Österreich. Sie reisen mit
uns im Omnibus, filmen uns privat, so wie das Publikum uns sonst nicht sieht.
Wer deinen Weg von Anfang an verfolgt, hört immer wieder von
Jaguaribe Carne. Kannst du uns etwas mehr über diese Band erzählen,
in der du mitgespielt hast?
Das sind zwei Brüder. Paulo Ró und Pedro Osmar, aus sehr armen
Verhältnissen in João Pessoa. Sie hörten immer nur die beste
Musik der Welt, alles was du dir vorstellen kannst, angefangen bei ECM-Platte,
bis hin zu Ethno-Musik aus Pakistan, den Indianern vom Xingu, Frank Zappa,
super Sachen eben. Und sie haben mich aufgenommen, als ich mit meinen sechzehn
Jahren nach João Pessoa kam, am Ende der siebziger Jahre. Sie meinten,
etwas Talent in mir zu erkennen und ich blieb bei ihnen eine Ewigkeit lang.
Parallel habe ich aber auch meine eigenen Sachen gemacht. Jaguaribe Carne
war eher eine experimentelle Gruppe. Ciranda, maracatu, côco, caboclinho,
all diese Dinge, die zwölf Jahre später durch Chico Science nach
ganz Brasilien transportiert wurden, das war für die damals schon Alltag.
Wir mischten das mit Porno-Gedichten, Zufallsklängen und so...
Ihr hattet auch eine starke theatralische Seite, nicht?
Happening. Als wir als Vorgruppe von Arrigo Barnabé auftraten, war
er einigermaßen geschockt und sagte, wir seien Punks aus der Caatinga.
Er fand das alles ziemlich heftig und begann sich dafür zu
interessieren.Jaguaribe Carne hat schon einige Platten. Bald kommt wieder
eine raus, mit Liedern von Elomar, Xangai, Lula Queiroga, Lenine, Zeca Baleiro,
mir und Elba Ramalho. Das erscheint auf einem Label, das ich gegründet
habe: Chita Discos. Es wird die erste Platte auf meinem Label sein, das sich
als letzte Möglichkeit für Künstler versteht. Ich habe nicht
die Absicht, als Chef einer Plattenfirma Karriere zu machen, sondern Arbeiten
zu veröffentlichen, die sonst nie und nirgendwo eine Chance hätten.
Ich verkaufe die Platten auf meinen Konzerten, und die Künstler verkaufen
sie auf ihren Konzerten. Und diese CD von Jaguaribe Carne ist eine Schau
dessen, was die Brüder vielen anderen Leuten beigebracht haben, mir,
Lenine, Lula Queiroga und anderen. Wir alle stehen in ihrer Schuld, wie die
Flüsse, die von Jaguaribe gespeist werden. Es wird eine Platte sein,
die zeigt, wie sich die Gruppe zu anderen ästhetischen Konzepten stellt,
wie das von Elomar zum Beispiel, der so verschieden ist von ihnen. Elba Ramalho
war die erste, die etwas von Pedro Osmar aufgenommen hat, ganz am Anfang
der Achtziger. Sie hat zwei oder drei Stücke von ihm gemacht. Deshalb
haben wir sie unbedingt dabei haben wollen.
Was hältst du von der Arbeit von Gilberto Gil als Kulturminister?
Als er berufen wurde, dachte ich, das sei eher so eine symbolische Sache,
aber Gil hat mich sehr positiv überrascht. Er hat das Amt wirklich
angenommen, hat die Art, wie öffentliche Gelder in die Kultur fließen,
in Frage gestellt, und das war gut. Ich hatte gedacht, OK, der Lula steckt
den Gil jetzt in dieses Amt, weil er eine internationale Persönlichkeit
ist. Aber mensch, der Gil krempelt jeden Tag die Ärmel hoch, arbeitet
wie verrückt. Das war eine echte Überraschung zu sehen, wie der
Mann mit seinen 60 Jahren neben seiner Arbeit als Musiker, Sänger und
Komponist auch noch so eine Verantwortung übernimmt. Geld für Kultur
in Brasilien. Das ist ein Wespennest! Vielleicht bringt seine Erfahrung als
Verwaltungsmann, als Unternehmer in eigener Sache der Kultur in
Brasilien etwas.
Es war interessant zu sehen, wie Gilberto Gil aus der Einigkeit
aller Minister ausgeschert ist, um zu versuchen, das beschämend winzige
Budget des Kulturministeriums anzuheben.
Eben, es reicht nicht, den besten Kulturminister zu haben, wenn kein Geld
da ist. Es ist sinnlos, verschiedene Ministerien zu haben, wenn der
Finanzminister ohnehin alles bestimmt, oder die Zentralbank selbständig
macht was sie will. Wenn es so ist, hat doch alles keinen Zweck.
Du engagierst dich als Künstler für die Landlosenbewegung
MST und unterstützt die Regierung Lula. Wie stehst du dazu, dass die
Landkonflikte im Jahr 2003 eher zugenommen haben?
Um ehrlich zu sein, ich finde das gut. Der Konflikt ist noch viel zu klein.
Es ist doch eine Frage, die schon seit hunderten von Jahren in Brasilien
immer wieder nur aufgeschoben wird. Fast alle Nationen der Welt haben
ihre Landreform gemacht, nur wir nicht. Die Regierung Lula wurde von links
gewählt, und nun verwaltet sie das Erbe der Neoliberalen mit Akribie
und Hingabe. Ich meine, wenn diese Leute auf die Zentralbank oder das
Finanzministerium warten, passiert überhaupt nichts. Es ist mehr als
gerecht, dass diejenigen, die Land brauchen, es sich nehmen. Wer Kultur will,
soll die Kultur besetzen. Die Gesellschaft muss sich Gehör verschaffen,
sonst bleibt die Regierung in Händen derjenigen, die schon immer die
Macht hatten. ACM (Antônio Carlos Magalhães) hatte schon vor
der Militärdiktatur Macht über Brasilien und hat sie immer nocht.
Regierungen kommen und gehen, die Diktatur geht zu Ende, und diese Leute
bestimmen immer noch? Die PFL (Partido da Frente Liberal, von ACM
gegründet) an der Macht? Das ist absurd und gehört abgeschafft.
Und wenn die Regierung Lula den Schwanz einzieht vor den
Großgrundbesitzern, ist das nicht das Problem des MST. Soll er selbst
damit klar kommen. Ich halte es für ganz natürlich, dass der
Landkonflikt zunimmt und glaube, dass es gut ist. Dass er sich ausweitet,
auf die Städte übergreift, zur Hausbesetzung wird, so dass die
Gesellschaft das Problem zur Kenntnis nimmt. Es gibt tausende Menschen, die
Land brauchen, um zu arbeiten, Schulen auf dem Land für ihre Kinder,
und es nicht bekommen.
Hast du schon eine Ahnung, wie deine sechste Platte aussehen
wird?
Es wird ein Album mit Liedern und eher akustisch sein, mehr Liebeslieder.
Ich nehme es wahrscheinlich Anfang nächsten Jahres auf, damit es dann
Juni, Juli erscheinen kann.
Auch wieder bei MZA, wo du die letzten Platten veröffentlicht
hast?
Ja, ich habe einen Vertrag mit Marco Mazzola (dem Besitzer der MZA) über
jetzt noch zwei Platten.
Bist du zufrieden mit deren Arbeit?
Naja, um ehrlich zu sein, nein. Ich habe ihnen schon gesagt, dass das
Verhältnis zwischen Künstler und Plattenfirma sehr spannungsgeladen
ist, und dass, wenn es keine Spannungen gibt, irgend etwas nicht stimmt (lacht).
Das Problem ist aber, dass wir von Universal vertrieben wurden, Mazzola aber
dann den Vertrieb an Abril Music abgegeben hat. Also sind wir alle bei Abril
gelandet, ich, Zeca Baleiro, Rita Ribeiro, Gal Costa, und die Plattenfirma,
die eine nationale Größe darstellt und ein großes Potenzial
hat, hat genau so investiert, wie dies die traditionellen Plattenfirmen mit
ihren wichtigsten Produkten tut: Viel Radio, viel bezahlten Sendeplatz, Werbung
etc. Am Ende fehlte das Geld, um es in unsere Arbeit zu investieren, denn
als wir zu Abril kamen, war der Kahn schon am untergehen, und wir wussten
es nur noch nicht. Es gab Platten die drei Monate, bevor Abril pleite war,
herausgekommen sind, so war es mit der letzten von Zeca Baleiro. Jetzt ist
das ganze vor Gericht, wo festgestellt werden soll, wer die Bänder
behält, und unsere Platten stehen nicht in den Läden.
Die Musikindustrie steckt weltweit in einer Krise, und genau davon
sprechen wir. Auf der anderen Seite bekommen immer mehr kleine Firmen eine
Chance am Markt, mit interessanten Perspektiven. Wie glaubst du, wirde diese
ganze Seifenoper ausgehen, mit den Majors, bezahlten Sendeplätzen, Internet?
Wird am Ende der Musiker gewinnen?
Ich habe keinen Schimmer. Vor kurzem habe ich mich mit den
Inhabern von zwei kleinen Labels unterhalten, die sagten, die Labels seien
wunderbar für sie selbst aber schlecht für die Künstler. Wenn
du eine Plattenfirma hast, die dreitausend CDs von einem Musiker verkauft,
sage ich, Mensch, kein Musiker ist zufrieden mit dreitausend CDs! Oft investieren
die Labels nicht einmal in die Aufnahmen. Ich finde es schon merkwürdig,
wenn eine Plattenfirma die Aufnahmen nicht finanziert. Da gibt ein Künstler
zehntausend Dollars aus, finanziert sein ganzes Album selbst, und wenn er
dann nur dreitausend Stück verkauft, bekommt er das Geld niemals wieder
herein. Der Besitzer der Plattenfirma, der ja nicht nur den einen Künstler
hat, sondern sagen wir, zwanzig, verkauft dreitausend von jedem und die Sache
ist geritzt: Sechzigtausend verkaufte Exemplare. Aber sie sagen »nein,
ich habe doch auch Angestellte«. Ich meine, es gibt viele Leute, die
keine Musik machen und gut davon leben, nur der Künstler selbst nicht.
Damit der Künstler seine zehntausend zusammenbekommt, um die nächste
Platte aufzunehmen, muss er irgendwo anders arbeiten gehen. Das ist eine
Diskussion, der sich die kleinen Firmen nicht gerne stellen, weil es unbequem
ist. Sie möchten gern als die Retter der Branche dastehen. Es gibt
Plattenfirmen, die leben nicht von der Musik sondern von Banken, von der
Industrie, von Essensmarken zum Beispiel. Trama ist so ein Fall. Ich sag'
dir, wenn irgenendjemand irgendwann bestimmt, dass die alle von dem leben
sollen, was sie produzieren, bricht alles zusammen. Man muss da mal auf beiden
Seiten eingreifen, so dass die kleinen Plattenfirmen in die Lage versetzt
werden, wirklich einmal Künstler und Platten selbst zu bezahlen, und
die so genannten kommerziellen Firmen im Gegenzug in Qualität investieren.
Ansonsten bleibt nichts übrig als diese »Qualitätsinseln«,
und die sind reine Illusion. |