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BNegão — Rap aus Rio – treffsicher

Ganz am Ende lieferte uns das Jahr 2003 noch eine schöne Überraschung in Gestalt der Platte Enxugando Gelo von BNegão. Für alle, denen der Künstler noch nicht über den Weg gelaufen ist: Bernardo ist das interessanteste Mitglied der Planet Hemp, der brasilianischen Band, die sich am unverblümtesten gegen die Diskriminierung von cannabis sativa in Brasilien einsetzt. Als Musiker ist BNegão geeignet, sogar Chico Buarque in Erstaunen versetzen, so kraftvoll kommt seine Botschaft daher, so mächtig ist der Ausdruck seiner Texte. Jetzt, wo sein erstes Soloalbum an brasilianischen Zeitungskiosken angeboten wird, wird wieder einmal deutlich, dass der Rap aus dem Land des Karneval Kraft zur Genüge hat, um auch die skeptischsten Geister zu überzeugen, die im hip-hop bisher nicht mehr als eine aus dem kriegerischen Nordamerika eingeführte Attitüde sahen.

Enxugando Gelo ist ein Werk, das dem unerbittlichen Sobrevivendo no Inferno (1998) der paulistaner Racionais MCs in nichts nachsteht. Doch kurioserweise atmen die dreizehn Stücke der CD nicht den starken Pulverdampf vieler anderer Produktionen dieser Art. Statt des üblichen Hass-Diskurses, baut BNegão eher auf Kohärenz und fordert den Zuhörer gar in fein komponierten Tiraden zu Selbstkritik auf: »Wir sind Akteure in Kapuzen die sich für ihre eigene Figuren halten / sich selbst sabotieren / Wir erschlagen uns selbst mit unserem Bild von uns selbst / Selbst-sklerose wie Professor Hermógenes es nennt / Aber  schau, ich will nicht der Inquisitor sein, denn wie man weiß: wer heute noch Pfau ist, kann morgen schon Staubwedel sein«, heißt es im Text von »Prioridades«.

BNegãos Texte fallen auf durch ihre Klugheit und die Aufrichtigkeit, mit der sie vorgetragen werden - immer mit einem Schuss Ironie. Sie sind mündig und subversiv zugleich wie die Zeile »ordem para o povo, progresso para a burguesia« (Ordnung für das Volk und Fortschritt für die Bourgeoisie), aus dem Stück »Enxugando Gelo« oder, wie BNegão in »O Processo» lehrt: »Schnell beschleunigt die Welt ihren Verfall / Langsam gibt das neue Denken zaghafte Signale seiner Existenz / Gerichtsprozess (langsam), Bildung (langsam) / Prozess ist langsam in der Information (langsam) / Wahrnehmung (langsam) / Prozess ist langsam in der Evolution (langsam) / Prozess der unendlichen Wiederholung, mein Freund / Deshalb sage ich, glaub' daran / So geht's und nicht anders / Stück für Stück weiterzugeh'n ist das Ding«. Wahrheiten, die noch klarer werden, wenn man sich verdeutlicht, dass erst 2003 die Linke ertmals in Brasiliens Geschichte an die Macht kommen konnte. Und der Kampf geht weiter.

Moralische und musikalische Unterstützung erhält BNegão von Os Seletores de Freqüência, einem Sextett in der Besetzung Gabriel Muzak (Guitarre) Pedro Garcia (Schlagzeug), Kalunga (Bass), dem DJ Rodrigues, Paulão (Gesang) und dem Trompeter Pedrão. Die sechs sind in der Lage, in kunstfertiger Alchimie Dub, Rap, Funk und Hardcore mit Bossa und Samba in Einklang zu bringen. In der Zusammenarbeit mit dem Produzenten-Trio Rica Amabis, Daniel Ganjaman e Tejo Damasceno des Instituto-Kollektivs (São Paulo) ist es BNegão dabei gelungen, sich solo als Rapper selbst zu übertreffen, trotz seiner Präsenz in Gruppen wie Missed In Action, Funk Fuckers und Planet Hemp, wo er übrigens weiterhin tätig ist.


Verschwörungen des Carioca-Untergrund


Um Enxugando Gelo in Brasiliens Zeitungskioske zu bekommen, hat BNegão sich mit Lobão zusammengetan – einem weiteren Barden der Musikszene Rio de Janeiros – und der Plattenfirma Net Records. Die Platte wurde gemeinsam mit der ersten Nummer der Zeitschrift Outracoisa verkauft, die Lobão mit den Journalisten Silvio Essinger, Tom Cardoso und Roberta Monteiro herausgibt und die vom Publikum gut aufgenommen wurde. In nur wenigen Wochen war die Erstauflage von 20.000 Exemplaren (bemerkenswert viel für ein Indie-Projekt) ausverkauft. Ein Geniestreich des Musikers Lobão, der auf demselben Weg bereits 1999 eine hervorragende Platte mit dem Titel A Vida é Doce mit großem Erfolg unter die Leute gebracht hatte.

Enxugando Gelo wurde als eine der besten brasilianischen CDs des Jahres 2003 eingestuft, was es BNegão ermöglichen dürfte, seine Arbeit und die seiner Gruppe auch weltweit, in Portugal, England und, wer weiß, vielleicht sogar Japan zu veröffentlichen. Dass Portugiesisch in der Welt nicht besonders verbreitet ist, tut der Wirkung der Platte in anderen Ländern keinen Abbruch. Der Sound, den BNegão & Os Seletores de Freqüência produzieren, weckt Tote auf. Nichts Ungewöhnliches für eine Nation, die vor allem durch ihre Straßenkinder bekannt ist. Denn ist dies nicht die Wurzel, aus der Rap entstand?

BNegão zu schätzen ist eine Frage der Intelligenz. Der Rest ist purer Groove!

Felipe Tadeu
Brasilkult@aol.com

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Felipe Tadeu
ist Journalist und Spezialist für brasilianische Musik.
Auf Radio Darmstadt produziert er regelmäßig die Sendung »Radar Brasil«.
Er lebt seit 1991 in Deutschland und ist inzwischen vor allem unter dem Pseudonym DJ Fila bekannt.

email: brasilkult@aol.com


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