Maria José Silveira
O Fantasma de Luís
Buñuel
334 páginas
Francis 2004 |
Nei Duclós
Universo Baldio
186 páginas
Francis 2004 |
«Nur wenige Leute waren erwachsen, vor dreißig Jahren»
schreibt Paulo Francis in seinem 1993 erschienenen Trinta Anos Esta
Noite, einer der ersten sehr persönlichen aber nicht minder
scharfsinnige Analysen des Militärputsches vom 1. April (!) 1964 auf
Brasiliens literarischem Terrain.
Neben der Wiederauflage dieses Klassikers zum 40. Jahrestag des Putsches
tut sich der Verlag, der Francis' Namen trägt, mit zwei literarischen
Neuerscheinungen hervor, die sich auf die Spur der gebrochenen Biographien
heften, die «1964», eigentlich aber der Ermächtigungsparagraph
«AI 5» vom 13. Dezember 1968, zu Hauf hinterlassen hat.
Um noch einmal Paulo Francis zu zitieren: «Zwischen 1964 und 1968 gab
es viel Freiheit. Sicher, es fehlte an Demokratie, aber es gab eine
Politisierung, die ich zuvor in meinem Leben nicht gekannt hatte.» Der
AI 5 brach all diesen Bestrebungen, den Widerstand gegen die Militärmacht
zu verbinden mit all den Visionen von einer besseren Welt, die die 60er Jahre
weltweit bewegten, das Genick. Über Nacht gab es im Prinzip nur noch
zwei Optionen für die rebellierende Jugend in Brasilien: Den
bewaffneten Widerstand in der Guerilla oder den Eskapismus der Hippie-Kommunen
am Strand.
Letzteren beschreibt der Dichter und Historiker Nei Duclós
in seinem ersten Roman Universo Baldio. Es ist ein Roman, dessen
Entstehung Jahrzehnte benötigte, und der sich nicht nur darum in zwei
Teile gliedert: die Zeit der verzweifelt / fröhlichen, bekifften Kommune,
in die sich die Protagonisten nach den ernüchternden Erfahrungen mit
staatlicher aber auch gesellschaftlicher Repression geflüchtet haben,
und den jüngeren Teil in der «jetztzeit», in der der Protagonist
(dessen biographische Parallelen zum Autor unübersehbar sind), sich
auf die Suche macht nach den Wurzeln des brasilianischen Dilemmas, das sein
persönliches ist, das seiner Familie, das seiner Geschichte und das
eines Landes, in dem Gewalt und Haudegentum Grundtugenden zu sein scheinen.
Universo Baldio (deutsch in etwa: Vergebliches Universum) ist
ein sehr poetisches Buch, das vor allem im zweiten Teil Züge einer
beunruhigenden Halluzination annimmt, oder, wie Urariano Mota (selbst Autor
des unbedingt lesenswerten und von der Thematik nicht unähnlichen Romans
Os Corações Futuristas)
in seiner Rezension schreibt, ein acid-trip
mit sehr realem Hintergrund und Protagonisten, deren Suche und Verzweiflung
echt ist.
Maria José Silveira dagegen nimmt den AI 5 unmittelbar zum
Ausgangs- und Wendepunkt ihres Romans O Fantasma de Luís
Buñuel, der die Biographien mehrerer Jugendlicher aus dem
studentischen Millieu von Brasília nachzeichnet. Es sind die politisierten
Studenten ihrer Zeit, deren Spiel mit der Revolution unter der Diktatur
plötzlich zu lebensbedrohlichem Ernst wird. Erst ist es das Kino, der
Wunsch, etwas Großartiges zu schaffen, der die Gruppe
zusammenschweißt. Später sind es die Demonstrationen, die
nächtlichen Aktionen, in denen die Aktivist/innen die Staatsmacht an
der Nase herumführen: «Tanto quanto nós, os surrealistas
queriam a revolução, queriam explodir a sociedade burguesa,
mudar a vida». Aus der ästhetischen Revolution wird eine politische.
Kurz vor dem Inkrafttreten des AI 5 geht wieder einer in die Illegalität,
macht Ernst mit dem Auftrag zur Revolution. Ein anderer wird während
des Abschiedsfestes verhaftet, doch seine Verwandschaft - Parlamentsabgeordnete
und Anwälte - wird ihn herausholen. Auch unter den Aktivisten sind
längst nicht alle gleich.
In die Biographien ihrer Protagonisten bettet Maria José Silveira
in ihrem dritten und bislang besten Roman die ganze Geschichte Brasílias
mit ein, und viel von der jüngeren Geschichte und den Widersprüchen
Brasiliens: die sozialen Milieus, die aufeinanderprallen, der Zukunftswahn,
der sich in Brasilia architektonische Bahn bricht, um dann von einer brutalen
und rückwärtsgewandten Diktatur okkupiert zu werden.
Und sie begleitet ihre Figuren in einem vielstimmigen Text durch die Jahrzehnte:
1968, 1978, 1988, 1998. Es gibt Tote, Erschossene, Gefolterte, aus dem
Hubschrauber über dem Meer Abgeworfene. Die entsetzlichen Todesarten
der frühen Siebziger Jahre, personifiziert und mit Namen versehen. Die
Überlebenden entkamen in die Kunstszene New Yorks, ins Homosexuellen-Milieu
von Rio de Janeiro, ins Exil und von dort in die Welt der humanitären
Projekte europäischer NGOs, ins bürgerliche Leben. Im Turnus von
10 Jahren treffen sie sich wieder, erst zufällig, später zu einer
Art Klassentreffen, auf dem immer mehr unerträgliche Wunden der
Vergangenheit aufreißen: «E hoje, como estamos todos, hein? (...)
Uma geração envelhecida - vendo as portas se fechando (...)
E o que foi feito? Que porra de obra revolucionária deixaram? Nenhuma.
Nem enriquecer conseguiram. Claro, não era a preocupação
deles, imagine! (...) O objeto do desejo desta geração era
a Arte, a Política, a Justiça, o Bem de Todos, a possibilidade
de Auto-Realização, o Mundo Melhor.
Grandes merdas!»
Schließlich meldet sich im Jahr 2003 Esmeralda, die «Femme
Fatale» aus Studentenzeiten, die es in die Kunstwelt New Yorks verschlagen
hat, die sich schon damals wie ein Maskottchen mit den Revolutionären
zwar eingelassen aber nie wirklich eingebracht hat. In einem Brief bricht
sie ihr Schweigen. Sie, die für alle vor allem die sexuelle Revolution,
die Libertinage, verkörperte, entpuppt sich als Opfer von Vergewaltigungen.
Als Kind von Freunden des Vaters missbraucht, als Jugendliche von Polizisten
der Diktatur. Noch eine fröhliche Illusion, die zerbricht.
Ihr Tod ist paradigmatisch. Auf der Suche nach sich selbst in ein exotisches
Land gereist, wird sie zufälliges Opfer einer anonymen Bombe namenloser
Terroristen. Eine Ironie der Geschichte, die in diesem ergreifenden Roman
natürlich alles andere als beiläufig ist
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- mk - |
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disponíveis na Alemanha através do TFM-Centro do Livro e do
Disco de Língua portuguesa:
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| Maria José
Silveira nasceu em Jaraguá, Goiás.
Graduou-se em Comunicação pela UnB e é mestre em
Ciências Políticas pela USP. Antropóloga pela Universidade
Nacional Mayor de San Marcos, de Lima, no Peru, é autora de dois ensaios:
Producción, Parcelaria Y Universo Ideológico El caso
de Puquio e Campesinato y Ideologia. Em 1980, fundou a Editora Marco
Zero, da qual foi diretora até 1998. Em 2002, estreou como romancista,
com a publicação de A mãe da mãe de sua mãe
e suas filhas, cujos direitos foram adquiridos pela TV Globo para a
produção de uma minissérie. |
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obras publicadas:
A mãe da mãe de sua mãe e suas filhas
(2002)
Eleanor Marx, filha de Karl (2002)
Nei
Duclós nasceu em Uruguaiana, Rio Grande
do Sul, em 1948. Publicou três livros de poesia, é jornalista
profissional desde 1970 e é formado em História pela USP.
obras publicadas:
Outubro
(1976)
No
meio da rua (1979)
No
Mar, Veremos (2001)
Universo Baldio (2004)
Leia também:
Paulo Francis:
30 Anos Esta Noite
Urariano Mota:
Os Corações Futuristas
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