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Dialekte eines Akkordeon spielenden Brasilien

SanfonaEs war einmal ein Junge aus Pernambuco, zwölf Jahre alt, und der hütete die Pferde eines gewissen „Coronel“ Manoel Aires de Alencar. Eines Tages wurde der Junge von einem Instrument in Bann gezogen, das er in Ouricuri gesehen hatte, und er wollte von nichts anderem mehr etwas wissen.. Da er arm war, sah er keinen anderen Weg, als seinen Dienstherrn zu bitten, ihm für 120 Milréis dieses Akkordeon mit acht Bässen zu kaufen, eine „Sanfona“ Marke Veado, und ihn damit zu einem glücklichen Kind zu machen. Manoel Aires, in seinem harten Herzen eines Patriarchen der Lokalpolitk berührt, ließ sich erweichen, die Hälfte zu bezahlen, wenn der Junge für den Rest der Summe geradestünde. Der Knabe nahm die Herausforderung an - edler Luiz, der er damals schon war. Luiz Gonzaga do Nascimento würde kurz darauf nicht mehr und nicht weniger werden, als der größte Mythos des brasilianischen Akkordeon.

Gonzagão oder Mestre Lua, wie’s beliebt, begann also sich zur höchsten Instanz der Unterhaltungsmusik von Nord bis Süd in Brasilien zu entwickeln. Er war der erste Musiker des Nordostens, der es außerhalb seines Reviers zu etwas brachte und erreichte, das Rio de Janeiro und São Paulo dem Baião verfielen, der Musikrichtung, der er Form und Ehre verlieh. So unglaublich es heutzutage sich anhören mag, es gab von 1946 bis 1956 innerhalb der Grenzen Brasiliens keinen Instrumentalisten, der so bekannt war, wie dieser in Exu zur Welt gekommene Staatsbürger. Und dies wirkte sich in der Art aus, dass viele der bedeutendsten Künstler, die dem Schoß der so genannten MPB entsprangen, das Akkordeon als erstes Instrument spielen lernten und Luiz Gonzaga als obersten Mythos benennen. Fragen Sie nur Gilberto Gil, Milton Nascimento, João Donato und Hermeto Pascoal. Ersterer stammt aus Bahia, der zweite ist zur Hälfte aus Rio und zur anderen aus Minas, João Donato stammt aus Acre und Hermeto aus Alagoas. Selbst nach dem Tod von Luiz Gonzaga im August 1989 hat das Akkordeon als unerschütterliche Ikone der Bevölkerung des brasilianischen Nordosten überlebt, ob es den großen Medien gefällt oder nicht. Das Instrument, das Brasilien mit den ersten italienischen Einwanderern erreichte, irgendwann zwischen dem 19 und dem 20. Jahrhundert, behält seine Macht selbst über brasilianische Künstlerinnen und Künstler, die eher dem Rock zugetan sind, wie etwa die verstorbenen Cássia Eller, Chico Science oder die Raimundos.

Im Bewusstsein der Einzigartigkeit der ausgelassenen Stimmung und der Begeisterung, mit der Brasilien diese Wiener Erfindung aus dem Jahr 1829 aufnahmen, entschloss die Forscherin und Produzentin Myriam Taubkin sich mit Leib und Seele einem Projekt zu verschreiben, welches das Universum des Akkordeon in Brasilien beschreiben sollte und einige der bedeutendsten Meister dieses Instruments aus Nord- Süd- Mittel- und Südwestbrasilien vorstellen und ihnen das Mikrophon zur Verfügung stellen sollte, so dass sie über sich selbst und ihre „Ziegenfüße“, „Dudelsäcke“ oder „Acht-Bässe“ sprechen konnten. Das Ergebnis ist eine wundervolle Reihe, O Brasil da Sanfona, eingebunden in zwei CDs, einen Bildband und eine DVD.

Myriam Taubkin hat diese Staubstraße in das Innere des Landes, seine musikalische Seele, nicht allein ausgetreten. Mit ihr gingen die Fotografin Angélica Del Nery und der Filmemacher Sérgio Roizenblit, unterstützt von der Brasilianischen Kulturstiftung des Kulturministeriums. Auch das Sesc São Paulo, die bereits in zwei andere Projekte von Myriam Taubkin - Violeiros do Brasil (1997) und Percussões do Brasil (1999) investiert hatte, beteiligte sich ebenfalls an O Brasil da Sanfona, das immerhin drei Jahre an Reisen, Zuhören und Gesprächen gekostet hat, welche schließlich in live aufgenommenen Konzerten im Sesc Pompéia in São Paulo mündeten.

Respekt für Januário

Der Höhepunkt des Projektes sind sicherlich die zwei sehr sorgfältig edierten und bei Núcleo Contemporâneo, dem Label von Myriams Bruder Benjamin Taubkin erschienenen CDs. Auf diesen befinden sich etliche der wichtigsten „Sanfoneiros“ der Gegenwart. Auf der einen CD sind die Musiker des Nordosten und Zentralbrasiliens vereint: Zino Prado, Camarão, Arlindo dos 8 Baixos, Zé Calixto, Dino Rocha und Elias Filho. Dreizehn Stücke sind auf der CD, drei davon interpretiert von Luiz Gonzagas legitimem Nachfolger, dem großen Dominguinhos. Er spielt in „Toque de Pife“, „Arrastando as Apragatas“ - in beiden zusammem mit Anastácia -, und in „Lamento Sertanejo“, einem Klassiker aus der Feder von Dominguinhos und Gilberto Gil, eine der schönsten nordost-Kompositionen aller Zeiten. Zum Abschluss des Albums deklamiert der Poet Patativa do Assará das Gedicht „Ao Rei do Baião“ (An den König des Baião), eine bedeutende Aufnahme aus dem Jahr 2001, kurz bevor Patativa verstarb. Arlindo dos 8 Baixos spielt ein Medley das von „Triunfo“ von Dominguinhos und Anastácia bis zu „Apanhei-te Cavaquinho“ von Ernesto Nazareth und Ubaldo Mangione reicht und den Weg über „Em Cima da Linha“ von Arlindo selbst nimmt. Und dann gibt es noch ein Duett von Zino Prado und Elias Filho in „Meu Mato Grosso“ und „Km 11“, ersteres von Zino geschrieben und das zweite aus der Feder von Constante José und Caquimarola.

Die zweite CD konzentriert sich auf die Bundesstaaten Rio Grande do Sul und São Paulo und ist wahrscheinlich die kuriosere der beiden Platten, denn sie gibt den eher weniger bekannten Akkordeonisten des Südens ein Forum, wie etwa Oscar dos Reis, Gilberto Monteiro oder Luciano Maia und - dem vermutlich berühmtesten - Renato Borghetti. Borghetti (oder Borghettinho) schreibt in dem begleitenden Bildband: „Die Akkordeon-Musik des Südens steht unter dem Einfluss der Grenze zu Argentinien und Uruguai, dieser Mischung des Spanischen das den Rio de la Plata hinauf gezogen ist, mit dem Portugiesischen, das dort bereits Fuß gefasst hatte, dem indianischen Element und dem Schwarzen, dem italienischen und den Deutschen, die später dazu kamen.“ Beim Hören der Gauchos zwingt sich die Erinnerung an Astor Piazzola auf, den übrigens Oscar dos Reis mit dem bezaubernden „Adiós Nonino“ interpretiert. Außerdem finden sich auf der Platt Interpreten wie Caçulinha, Toninho Ferragutti sowie drei Akkordeonistinnen (!) die ihren männlichen Kollegen in nichts nachstehen: Gilda Montans, Meire Genaro und Regina Weissmann.

Auch der Bildband besticht durch die einfühlsame Fotografie von Angélica del Nery und ihre Szenarien, zu denen die „Sanfona“ den Soundtrack liefert: Das vergitterte Bild von Padre Cícero am Rand einer Straße in der pernambucanischen Serra do Araripe, ein mythisches Idol, das zur wahren Kitschkulisse verkommt in einem anderen markanten Foto, das die Familie des Renato Cigano zeigt, die im Stil des magischen Realismus posiert, oder den Aufnahmen unter dem Eindruck der Fauna und Flora des Pantanal in Mato Grosso. Begleitet von äußerst informativen Texten und Erinnerungen wichtiger Künstler wie etwa Oswaldinho (dem Sohn von Pedro Sertanejo), Sivuca, Hermeto Pascoal, Dominguinhos, Toninho Ferragutti und vielen anderen, erzählen die Fotografien die Geschichten der Instrumentalstücke. Geschichten aus schwierigen Zeiten für die Akkordeonspieler, wie etwa, als die Bossa Nova auftauchte oder die Beatles, als die Gitarre zum wichtigsten Instrument wurde, wie Dominguinhos uns erzählt. Oder die Geschichte der von Pedro Sertanejo organisierten Forrós, die in São Paulo jedes Wochende bis zu viertausend Menschen zusammen brachten und doch immer zum Ziel vieler Vorurteile wurden. Eine Zeit, in der du, wie Oswaldinho erzählt „ausgelacht wurdest, wenn du mit einem Akkordeon vorüber gingst. Wir baten die Behörden um Schutz unserer Tanzveranstaltungen, und sie schickten die Armee.“

Wichtig war auch die Entscheidung der Produzenten, den Band zweisprachig (Portugiesisch / Englisch) herauszubringen, was den Radius dieser hervorragenden Publikation erhöht. Nützlich ist zudem das Verzeichnis der Akkordeonspieler und -stimmer am Ende des Buches.

Die DVD von Sérgio Roizenblit wiederum verhilft uns zur Ansicht so vieler Giganten in Aktion, auch wenn die Aufnahmen bisweilen zu wünschen lassen. Keine gute Entscheidung war sicherlich auch, hinter den Musikern auf Leinwänden Filme ablaufen zu lassen, so dass diese von der Bilderflut erschlagen werden. Vermutlich haben diese Projektionen die Zuschauerinnen und Zuschauer im Sesc nicht so gestört, wie die Betrachter der DVD. Doch es gibt durchaus gute Moments, wie etwa den Besuch der Akkordeonwerkstatt von Zino Prado in Goiânia, wo der Musiker und Techniker durch die Poesie seiner Schilderung begeistert.

Ebenso diskussionswürdig ist die Entscheidung der Produzenten für das rein instrumentale. Texte, wie etwa „Lamento Sertanejo“ in der Interpretation von Dominguinhos hätten dem Projekt nicht geschadet. Wer bekäme da nicht eine noch stärkere Gänsehaut beim melancholischen Klang der Sanfona?

Felipe Tadeu
Brasilkult@aol.com
Übersetzung: Michael Kegler

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Felipe Tadeu
ist Journalist und Spezialist für brasilianische Musik.
Auf Radio Darmstadt produziert er regelmäßig die Sendung »Radar Brasil«.
Er lebt seit 1991 in Deutschland und ist inzwischen vor allem unter dem Pseudonym DJ Fila bekannt.

email: brasilkult@aol.com


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»solo für Pina Bausch«
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