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Luiz Melodia in Deutschland
- Porträt des Künstlers als Erscheinung in der Ferne.

Luiz MelodiaTübingen – die 19. Auflage des größten brasilianischen open-air-Festivals in Europa passte genau in die Tasche des Luiz Carlos dos Santos, unseres Luiz Melodia. Zum ersten Mal in Deutschland lieferte die Gallionsfigur der brasilianischen Musik ein unvergessliches Konzert ab, vor dreitausend zahlenden Zuschauern, die auf den Marktplatz von Tübingen gekommen waren, um am zweiten Tag des Festivals ihn,  Lenine, Jorge Ben Jor, Paralamas do Sucesso, Olodum, Trio Mocoté und Grupo Revelação zu erleben. In Begleitung einer hervorragenden Kapelle unter der Leitung des unersetzlichen Renato Piau gab Melodia all die wunderbaren Lieder zum besten, die das brasilianische Radio nur deswegen nicht mehr spielt, weil dort immer noch die Korruption regiert: „Onde o sol bate e se firma“ und die von allen erwarteten „Pérola Negra“, „Magrelinha“, „Estácio Holly Estácio und noch viele mehr …

Die Organisatoren des Viva-Brasil-Festivals, der deutsche Winfried Kast und die für die Programmauswahl verantwortliche Brasilianerin Elisabeth Corsetti hatten in diesem Jahr mit den Anwohnern zu kämpfen, die mit Klage drohten, falls der Schallpegel die 70 Dezibel (!) überschreiten sollte. Die Behörden hatten ein Mikrophon auf das Dach des Belästigten installiert und zu überprüfen, ob die Tontechniker sich auch nicht über die Beschränkung hinwegsetzten, und fast wäre das Fest verboten worden. Traurig, dass ein jährliches Festival der Verbrüderung zwischen Brasilianern und Deutschen, auf dem schon Djavan und Chico Science, Alceu Valença und Itamar Assumpção aufgetreten sind der schlechten Laune einer einzigen Person ausgeliefert ist, die es fast geschafft hätte, tausenden Menschen den Spaß zu verderben.

Doch Luiz Melodia machte seine Sache gut und spielte ein unvergleichliches Konzert, sang als wollte er den blonden Mädchen auf den Balkons des Marktplatzes ein Ständchen bringen, und hörte nur auf, weil die behördlich genehmigte Zeit abgelaufen war und man sich nicht im großzügigeren Brasilien befand. Das Publikum hätte gern noch mehr gehört.

Noch voller Elan gab uns Luiz Melodia dieses Exklusiv-Interview, wie es sich gehört, unterstützt von einem guten Schluck deutschen Bieres.


– Es ist dein erstes Mal, dass du nach Deutschland kommst, richtig?

Luiz MelodiaJa, das erste Mal, und es läuft prima, auch weil ich schon lange darauf gewartet habe. Ich sage immer, dass man mir jedes mal, wenn ich nach Deutschland reisen wollte, den Teppich weggezogen hat. So oft habe ich die Reise schon gebucht gehabt und im letzten Moment wieder absagen müssen. Spielereien der Manager, Marketing, weil jeder won denen „seinen“ Künstler auf die Reise schicken möchte, dabei gibt es in Brasilien so viele Künslter. Aber jetzt bin ich da, und mir geht es verdammt gut. Ich war auch in Montreux, in der Schweiz, dort war es wunderbar. Die Aufnahme durch die Brasilianer dort war herrlich, ich war wirklich überrascht. Es hat mich sehr bewegt. Auch in London war das so, und die Engländer haben versucht, meine Lieder zu singen. Ich will nicht sagen, dass dies das wunderbarste der Welt ist, denn wenn ich erst am Anfang meiner Karriere stünde, wäre es noch besser. Aber es ist gut!

– Wurde das Jazzfestival in Montreux aufgezeichnet?

Das Konzert ist gefilmt worden. Ich glaube, es kommt auf DVD raus. Ich habe mit Herbert Vianna (von den Paralamas do Sucesso, die auch in Montreux gespielt haben, a.d.R.) geredet, und er hat gesagt, dass das wahrscheinlich veröffentlicht wird. Das wäre schön für uns alle.

– Bist du schon früher in Europa aufgetreten?

Ja, in den achtziger Jahren habe ich ein paar Konzerte mit Renato Piau (dem legendären Gitarristen von Luiz Melodia, a.d.R.) gespielt, andere auch mit Band.

– und Portugal?

In Portugal war ich jetzt im Mai.

– Du bist ein begeisterter Leser von Hermann Hesse. Hat es dir etwas bedeutet, nun in sein Land zu reisen?

Ich träume immer viel von Orten, aber richtig klasse wird es, wenn du mit den Leuten in Kontakt kommst. Vor allem das, der Kontakt mit ihnen, denn es sind die Menschen, die einen Ort ausmachen. Hier in Deutschland habe ich herausgefunden, dass man auch hier meine Musik mag, und ich hoffe öfters kommen zu können. Das Konzert hier in Tübingen war sehr gut. Kurz bevor ich aus dem Hotel ging, hab ich mich kurz mit Gott unterhalten, und er hat mir gesagt: „das geht so, Luiz, von jetzt an ist nur noch Sommer, die Sonne wird scheinen!“ (vor dem Festival war schreckliches Wetter gewesen). Deutschland war der schönste Ort auf dieser Torunee, ganz ehrlich. Ich kann mich nur dafür bedanken.

– Bevor deine Musik-Karriere in Gang kam, wolltest du Zoologie studieren. Wie kam es zu diesem Interesse für Tiere? Bist du dadurch zu den Gedichten von Manoel de Barros gekommen, die du vertont hasst?

Ich bin in der Favela aufgewachsten, und weil wir in sehr bescheidenen Verhältnissen lebten, hielten wir ein paar Hühner, die Nachbarn fütterten ein paar Schweine, andere hatten Ziegen, denn auf dem „Morro“ (São Carlos in Rio de Janeiro) lebten viele aus den Nordosten. Diese Verbindung zu Tieren war immer sehr stark, ich hatte etliche Kampfhähne, sogar teure, indische, weißt du? Diese Liebe zu den Tieren kommt aus dieser Zeit, als ich zehn Jahre alt war. Ich habe das Zoologie-Studium nicht durchgehalten aus Faulheit. Und nicht nur das. Die Musik war ja immer schon latent vorhanden und hat mich schließlich beherrscht. Mein Vater war ja auch Musiker, und so war es unvermeidlich, obwohl mein Vater nicht wollte, dass ich auch Musiker würde.

– Und die Begegnung mit dem Werk von Manoel de Barros?

Das kam über meinen Gitarristen, Renato Piau, der viele Berührungspunkte mit Manoel de Barros hat. Piau ist mit seiner Tochter verheiratet. Mich haben seine Verse sehr begeistert. Wahrscheinlich ist Manoel der Dirchter, den ich am meisten gelesen habe, nach Hesse, den ich bis heute immer und immer wieder lese. In letzter Zeit habe ich mehr Manoel de Barros gelesen, ich überlege sogar noch mehr mit ihm zu machen, mehr Verse von ihm zu vertonen, denn ich identifiziere mich auch sehr mit ihm als Person. Er ist eine wunderbare Person. Auf Manoel de Barros lasse ich nichts kommen!

– Dein Vater war Komponist. Er war Bohémien und stant mit der baptistischen Kirche in Verbindung. Wie hat er diese beiden Extreme unter einen Hut bekommen? Das Heilige mit dem Profanen?

Bevor er Baptist wurde, war mein Vater als „der“ Macumbeiro bekannt gewesen. Dann erst hat er mit der Macumba aufgehört. Ich weiß nicht genau, was in seinem Kopf passiert ist, aber ich habe die Veränderung miterlebt, als ich noch ein Kind war. Damals hat er viel komponiert, er hatte eine Gitarre mit vier Saiten, auf der ich die ersten Akkorde gelernt habe. Nicht, dass ich Gitarrist wäre, ich bin Komponist, sage ich immer. Aber ich habe viel von meinem Vater gelernt, auch die Art zu singen, denn er sang sehr viel! Sehr schön, wirklich! Ich verstehe bis heut nicht, warum ich die Stimme meines Vaters nie aufgezeichnet habe, sie war so markant. Er war mein größter Einfluss, musikalisch gesprochen.

– Du hast mal in der Presse verlauten lassen, dass du eine Platte nur mit Musik von Oswaldo Melodia machen willst. Gibt es dieses Projekt mit den Kompositionen deines Vaters noch?

Darüber wollte ich nachher noch sprechen, aber ich überlege nun, eine Platte nur mit Sambas aufzunehmen, wo ich einige seiner Stücke mit aufnehmen will. Ich will aber auch andere Komponisten dort vom Morro São Carlos aufnehmen, wo ich geboren und aufgewachsen bin, und es ist mir auch wichtig, neue Komponisten aus meiner Ecke, aus meinem „Stamm“ mit auf diese CD zu nehmen. Zwei oder drei Stücke von Komponisten wie Cartola, Noel Rosa oder Zé Keti, die ich sehr bewundere, sollen auch drauf sein. Wir arbeiten noch am Konzept dieser Platte, es ist ein Projekt, das ein bisschen Zeit braucht, aber ich gehe es auch mit viel Ruhe an, denn es soll eine ganz besondere Arbeit werden. Ich will damit Waly Salomão beschenken und ehren. Sogar der Titel der Platte wird „für Waly Salomão“ sein. Er liebte es, wenn ich Sambas sang. Es gibt ein paar alte Sachen, da ist er ausgeflippt, wenn ich sie gesungen habe.

– Ist das für 2005 geplant?

Ich hoffe schon. Gott sei Dank, und meiner Wenigkeit auch (lacht), habe ich genug Arbeit. Hoffentlich schaffe ich es wenigstens, einen Studiotermin klarzumachen, wenn ich wieder in Rio bin, damit ich, wenn ich aus Maranhão zurück bin, mit den Aufnahmen anfangen kann. Man hat mich eingeladen, in einem Film mitzuwirken, den Andrucha Waddington dreht und der „Casa de Areia“ (Haus aus Sand) heißt. Ich werde dort als Schauspieler mitmachen. Er hat mich eingeladen: „He Luiz, ich hab gehört, dü würdest gern einmal schauspielern …“ Mensch, wie oft hab ich das in Zeitungsinterviews schon verbreitet, und keiner hat reagiert (lacht).

– Jetzt hast du ja die Filmkarriere vor dir.

Und weißt du, mit wem ich zusammen spiele? Mit Fernanda Montenegro, mein Lieber (lacht)! Das ist eine riesige Verantwortung. Aber, mein Junge, das kommt mir gerade recht, und es passt wunderbar mit dieser Reise nach Europa zusammen. Wir haben die Texte schon ein paar Mal gesprochen, das ganze Team, bei Andrucha zuhause. Der Film ist super besetzt, mit Stênio Garcia, auch Fernanda Torres spielt mit. Wir werden eine ganze Weile in Lençóis bleiben, einem ganz besonderen Ort in Maranhão, unser Drehort. Wenn dieses ganze Durcheinander vorbei ist, hoffe ich, dass ich wieder ins Studio kann, um endlich richtig mit der Samba-Platte beginnen zu könne.

– Du hast schon immer Geschmack an der „Jovem Guarda“ gehabt. Hast du mal überlegt, was für Roberto Carlos zu schreiben?

Mensch, da habe ich noch nie dran gedacht, weil es nie ging. Auch weil viele Leute dem Roberto Carlos Sachen geschickt haben, ganz unberührt davon, dass es ja schon das Duo Roberto-Erasamo gab, das ganz zwangsläufig gemeinsam im Studio sein musste. Sérgio Sampaio, mein Freund und Kollege hat mal was hingeschickt.

– „Meu Pobre Blues“ war das, und der „König“ wollte nichts davon hören.

Genau, und Roberto hat es nicht aufgenommen, aber Sérgio Sampaio schon. Ein verdammt guter Blues mit einem interessanten Text. Ich habe Sampaio immer für ein Genie gehalten, war immer ein Fan von ihm und bin es heute noch. Von ihm und von Itamar Assumpção. Beide sind unersetzlich! Waly Salomão auch. Mit Waly hatt ich mal Gelegenheit, etwas zusammen zu machen, aber die Kerle verschwinden alle so schnell! Sowohl Sérgio als auch Waly haben Sachen für mich geschrieben, und ich hab noch nie etwas mit ihnen gemacht.

– Als Musiker bist du von Waly Salomão entdeckt worden, von ihm, von dem Künstler Hélio Oiticica und dem Dichter und Journalisten Torquato Neto. Sie sind nach São Carlos hinaufgestiegen, um sich deine Musik anzuhören. Ein interessanter Kontakt, so ähnlich wie der, den Noel Rosa mit Cartola und Nélson Cavaquinho in Mangueira hatte. Wie wurde das von den Bewohnern der Favela gesehen, dass die langhaarigen Künstler aus der Mittelschicht da hoch gepilgert kamen, um dich zu sehen? Stieg dein Status auf dem „Morro“ nachdem du diesen Umgang hattest?

Luiz MelodiaDas blieb alles normal. Sie integrierten sich immer gut in die Gemeinschaft, wenn sie hinaufkamen. Das blieb niemand staunend stehen - ich nicht und auch nicht die anderen Leute. Sie bleiben Nächte lang, fanden alles phantastisch. Das war eine andere Zeit als heute, wo alles nur noch aggressiv ist und unglaublich gewalttätig. Die heutige Krise ist wirklich bedenklich, unerträglich, solche Kontakte können da nicht mehr zustande kommen.

– Viele brasilianische Künstler gründen heute ihre eigenen Labels und verlassen die großen Plattenfirmen auf der Suche nach besseren Zeiten. Kannst du dir vorstellen, eines Tages „Magrelinha Records“ zu gründen, das Label des Luiz Melodia?

Mit Sicherheit. Ich hab schon ein Vermögen investiert für dieses Projekt (lacht). Bei mir zuhause gibt es einen Burschen, der auch Musik mag, meinen Sohn, Mahal, der mir dabei hilft. Ich überlege, zuhause ein Studio einzurichten. Ich glaube es hat Vorteile, wenn man seine eigene Musik selbst aufnimmt. Wenn man das Geld hat, sich seine Arbeit zuhause zu organisieren, wunderbar! Marisa Monte hat sich gerade ein eigenes Studio eingerichtet. Ich bin auch dabei, wie viele andere.

– Die Samba-Platte kommt aber noch bei Indie Records, deiner momentanen Plattenfirma, oder?

Ja, die Platte mache ich mit ihnen.

– Als Studioplatte?

Junger Freund, ich war noch nie eine Freund von Live-Aufnahmen. Es gibt welche, das ist auch in Ordnung, weil es ein Dokument ist, aber ganz ehrlich, ich bin kein Fan von Platten, die auf der Bühne aufgenommen wurden. Ich bin da sehr pingelig.

– Du bist anspruchsvoll, was die Tonmischung angeht. Der Klang der Schallplatte Pérola Negra begeistert dich nicht.

Eben, obwohl es eine ziemlich interessante Platte ist, nicht? Ich bin lieber im Studio, achte auf die Arrangements. Suche mir geniale Arrangeure, wie ich es immer gemacht habe, mit Márcio Montarroyos - mit dem ich viel zusammengearbeitet habe -, oder Perinho Santana, Léo Gandelman, Serginho Trombone oder dem verstorbenen Oberdan, mit dem ich nur nicht mehr zusammenarbeite, weil er eben dahin ist. Oberdan war einer der ersten, die mit mir gearbeitet haben, und er war ein Genie.

– Wer hat das Arrangement für „Ébano“ gemacht, für das Festival Abertura, 1975?

Das wer er! Oberdan und Perinho Santana haben an den meisten meiner Stücke ganz am Anfang mitgemacht. Den Oberdan habe ich immer machen lassen, was er wollte, denn er sprach die selbe Sprache wie ich, kapierte die „Zona Norte“ - die nördlichen Stadtteile Rios, hatte dieselben Einflüsse. Ich fühlte mich wohl mit ihm. Ich will nicht sagen, dass andere nicht auch genial waren, aber Oberdan Magalhães und Perinho Santana sind ganz bedeutende Personen.

– Du hattest damals auch eine starke Verbindung zu der Tropicalisten-Gruppe (Caetano Veloso, Gilberto Gil, Maria Bethânia und Gal Costa), und drei der vier „Doces Bárbaros“ haben Stücke von dir aufgenommen. Merkwürdigerweise hat der Bahianer, der dir am ähnlichsten ist, von der Musik her, Gilberto Gil, nie etwas von dir gesungen. Kennt ihr euch persönlich?

Damals, als ich bekannt wurde, lernte ich Rogério Duarte kennen, Torquato Neto, und Gilberto Gil war im Exil mit Caetano Veloso. Aber ich weiß nicht, warum Gilberto Gil nichts von mir aufgenommen hat. Er kann es ja noch machen. Er lebt ja noch, als Person und musikalisch. Es ist sein Problem.

– Bist du zufrieden mit Gilberto Gil als Kulturminister? Kann man sagen, dass jetzt die Musiker an der Macht sind, oder fühlst du dich nicht vertreten von ihm?

Mensch, er macht da ein paar Sachen, die nützen nur ihm selbst.

– Das Projeto Pixinguinha wird reaktiviert. Du warst damals schon dabei, nicht wahr?

Luiz MelodiaDas Projeto Pixinguinha ist sehr gut, phantastisch, denn es erreicht Leute, die wenig Möglichkeiten haben, Künstlern von Angesicht zu Angesicht zu erleben, die Musiker, die sie gerne haben. Es ist eines der besten Projekte, die ich in Brasilien kenne. Ich habe schon mehrfach teilgenommen, unter anderem habe ich dieses Mädchen bekannt gemacht, die Marina Lima. Später hat sie nicht ein einziges Mal gesagt, „Mensch, das mit Melodia und Zezé Mota war klasse!“ Sie hat das nie erwähnt. Ich will ein bisschen davon erzählen. Der Zezé Mota hat sich da am meisten engagiert. Wir sind gereist, haben eine Tournee gemacht, haben die „kleine“ unterstützt, dieses Kind. Aber sie hat darüber nie eine Silbe verloren, wäre doch freundliche gewesen, oder? Eine freundliche Geste. Nicht dass ich darauf bestehen würde, aber mensch, bloß ein bisschen Dankbarkeit! Ich werde Waly Salomão zum Beispiel immer und immer erwähnen, denn er war phantastisch. Und schau mal, als ich Waly Salomão kennen lernte, gab es meine Musik schon, es gab schon Substanz in dem was ich machte..

– Luiz, um noch einmal auf Abertura zurükzukommen. Das war das einzige Festival, an dem du teilgenommen hast, oder gab es noch andere?

Wenn ich mich nicht irre, war „Abertura“ kein Wettbewerb, oder?

– Doch, schon. Carlinhos Vergueiro hat es gewonnen, Hermeto Pascoal bekam den Preis für das beste Arrangement mit diesem wahnsinnigen „pega o porco, amarra o porco / pega pega pra matar“ (fang das Schwein, fessle das Schwein / fang das schwein und töte es), erinnerst du dich? Porco Na Festa (Schwein auf dem Fest) war der Titel seiner Komposition.

Luiz MelodiaStimmt, Carlinhos Vergueiro hat mit „Como Um Ladrão“ gewonnen. Seinem Vater gehörte das Festival, er war der Veranstalter, das heißt, „Como Um Ladrão“ (Wie ein Dieb) hat irgendwie gepasst. Ébano hatte das eigentlich verdient, die Leute applaudierten und so, aber hinter den Kulissen hörte man dann schon Caetano Veloso: „he Luiz, das sieht doch komisch aus“. Bei Festivals gibt es immer diese Schlitzohren. Ich wollte nie an solchen Wettbewerben teilnehmen, Preise gewinnen, einen Pokal mit nach hause nehmen. Ich mag solche Dinge nicht. Schön ist es, Musik zu spielen, auch weil da immer Leute sind, die gute Sachen vorführen, und das ist das gute an den Festivals: die Neuigkeiten.

– Und immer gewinnt nur einer, alle anderen verlieren.

Es ist ein beschissenes Schema. Abertura war das einzige Mal, wo ich teilgenommen habe.

– Wie siehst du die Invasion der Favela Rocinha, erst durch die Dealer vom Morro do Vidigal, dann durch die Polizei? Du wohnst da ganz in der Nähe, hast im São Carlos gelebt …

Nun, ich bin wirklich von São Carlos, lebe da nicht mehr, und sehe auch nicht, wie man da überhaupt noch leben kann. Dort und in den anderen Favelas sind nur noch diejenigen, die überhaupt nicht mehr herauskommen. Wer kann, der geht. Die Gewalt ist sehr ernst geworden, das Leben wird immer schlimmer. Der Drogenhandel ist immer stärker direkt mit der Polizei verquickt, das ist sehr schwierig. Ich lebe in einem Land, das … Natürlich hoffe ich auf eine Veränderung in Brasilien. Ich glaube an Lula, an irgend etwas muss ich doch glauben. Ich glaube an ihn und daran, dass meine Kinder und ihre Freunde ein besseres Leben haben. Aber die Gewalt wird immer absurder. Es ist Barbarei, und ich weiß nicht, wohin das noch führt.

– Eine andere Platte, die du einmal machen willst, ist mit Marcelo D2, Seu Jorge und Mahal. Wann dennn?

Ich sage immer zu Mahal, dass ich nach der mit den Sambas eine Platte mit unveröffentlichten Stücken machen will. Ich komponiere mit meinem Sohn Mahal, und er hat auch schon auf einer meiner Platten mitgemacht. Wir tauschen zuhause immer die Rollen, aber er hat mich noch nie zu einem seiner Projekte eingeladen (lacht).

– Wahrscheinlich seine Eitelkeit, wo doch so viele Leute im Moment im Fahrwasser ihrer Väter schwimmen.

Ach was, es kommt ihm einfach nicht in den Sinn.

– Und der andere Sohn, Iran?

Nein, mit Iran ist das was anderes. Der ist Anwalt, der spielt etwas ganz anderes (lacht).

Felipe Tadeu
Brasilkult@aol.com
Übersetzung: Michael Kegler

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Felipe Tadeu
ist Journalist und Spezialist für brasilianische Musik.
Auf Radio Darmstadt produziert er regelmäßig die Sendung »Radar Brasil«.
Er lebt seit 1991 in Deutschland und ist inzwischen vor allem unter dem Pseudonym DJ Fila bekannt.

email: brasilkult@aol.com


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»Lula Queiroga«
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