livros

música

agenda

aus deutschen verlagen

pubicações científicas

literatrip

angola

brasil

cabo verde

guiné-bissau

moçambique

portugal

são tomé
e príncipe

timor lorosae

bestellen

suchen

impressum

home

tfm-online


São Paulo, PS

Urariano Mota


Urariano Mota
Schriftsteller und Journalist, wurde 1950 in Água Fria, einem Stadtteil von Recife geboren, wo er heute noch lebt.
1997 veröffentlichte er den Roman Os Corações Futuristas. Seine Novelle Japaranduba, 49 ist unter www.livrorapido.com.br. online zu lesen.
Sein dritter Roman O Caso Dom Vital ist noch unveröffentlicht, einen Auszug veröffentlichen wir auf "literatrip" (Juni 2003).

Leia também:
literatrio
O Dom Vital

Dez Centavos para o teatro
primeiro de Abril de 1964


Von São Paulo habe ich Dinge gelernt, die erst im Nachhinein wirklich empfunden und begriffen werden können. Wie ein erläuterndes Post Scriptum.

São Paulo beim ersten Mal war eine Stadt, die mir mein Onkel zeigte, vom höchsten Gebäude der Avenida Rio Branco herab. Er war Hausmeister dieses Gebäudes, und von dort oben, vom Dach aus, das mir Schwindel erregte, deutete er auf einen Wald aus Gebäuden, Nieselregen, Monumenten und dunkle Erhebungen in der Ferne.

- Wie viele Recifes passen hier wohl hinein? Sag, wie viele Recifes?

Ich war siebzehn Jahre alt und fand keine Antwort. "Als ich zum ersten Mal Teresa sah / fand ich sie hat dumme Beine". Was ich sah, war eine gewaltige Großartigkeit in der es keinen einzigen Fluss namens Capibaribe gab. Und Recife, das wusste ich damals noch nicht, war der Leib meiner Mutter. Wie fragt man einen Jungen, wie viele seiner Mütter in etwas hineinpassen, das fern im Nebel liegt? Mir fiel die Kinnlade herunter, und wahrscheinlich habe ich geantwortet:

- Unheimlich groß.

Das muss meinem Onkel gefallen haben, denn wir sind gleich darauf wieder hinunter gestiegen, von dem, was mir wie ein Trapez hoch über der Welt erschien.

São Paulo beim zweiten Mal erschien mir in Gestalt eines Gyros-Grills. Ich hatte Hunger, um zwei Uhr nachmittags auf der Avenida São João, und gegenüber der Post am anderen Ufer der Straße stand ein "Carrasco". Bitte denken Sie nicht, ich hätte mich in der Vokabel vertan. Es war kein Churrasco, sondern Carrasco, der Scharfrichter. An der Avenida São João stand der Henker und ließ messerscharfe Klingen über Fleisch gleiten, das im Zwielicht gebraten wurde. Stroboskopisches Licht, wie die Lichtblitze der Wurlitzer Jukebox. Und denken Sie nicht, ich irre mich abermals. Nein, 1978 war São Paulo für mich das Fleisch, das es nicht gab zu Mittag, und dieses Fehlen machte sich so stark bemerkbar, dass mir die Lichter dieses Gyros-Grills wie das Blinken der Jukebox im Hurenhaus erschinen. (Als ich zum ersten Mal Teresa sah, "dachte ich auch, ihr Gesicht sähe aus wie ein Bein".) Sonntags, wenn das Glück zu mir freundlich war, verwandelte sich São Paulo mit seinen Bäckereien und Imbissen in ein Hundekino: all diese gebratenen Hähnchen, die sich am Spieß drehten und rosafarbenes Fett hinabtropfen ließen, hinter durchsichtigen Schaufenstern der Bratereien und allen Säugetieren das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Wohlerzogen wie wir, Bahianer aus allen Gegenden Brasiliens, waren, bellten wir nicht.

Dann gab es ein drittes Mal. São Paulo waren die Beine einer jüdischen Teenagerin. In der fünf Grad Celsius kalten Nacht, im Wohnzimmer, wo wir den Weg der brasilianischen Revolution diskutierten, ahnte die junge Frau, dass einer von uns nicht einmal die allereinfachste Orientierung besaß, nämlich zuerst etwas zu haben, wo er die Nacht in São Paulo verbringen konnte. Auf einem Kissen auf dem Boden sitzend hob sie ihre Knie, um darauf ihr Kinn zu stützen. Ihr langer Rock öffnete sich wie die Vorhänge des Theaters Santa Isabel. Nachdenklich und konzentriert gab sie der Nacht um Karel Kosik einen Hauch von Venus. Einer Nacht voll von dialektischen Zitaten aber ohne einen Hauch wirklicher Liebe. Und kalt, jawohl, so kalt, die Kleine, so viel Fleisch, das sich unserem Hunger darbietet, und sagt: "Wie und wohin wollt ihr zu gehen? Lasst alle Hoffnung fahren": Unsere Augen suchten sich ihren Weg und blieben stets am feinen Flaum ihrer langen Beine hängen. Das schlaue, konzentrierte Mädchen schien unempfindlich zu sein gegenüber den fünf Grad Celsius der Nacht mit ihren nackten Schenkeln. Ich wusste nicht; das Perverse kennt keine Kälte.

Dann kam die Stadt ihrer Enthüllung näher. In einer Bar an der Praça Roosevelt, ganz oben und am Ende einer Wendeltrppe stand ich unnützer- und peinlicherweise, feige und dumm, Schmiere, als einem Landsmann Hörner aufgesetzt wurden. Derjenige welcher ist heute ein hohes (warum eigentlich immer diese Adjektive für São Paulo? Hoch, immens, schwindelerregend?) … der Täter ist heute ein hohes Tier bei einem großen Kommunikationsunternehmen. Die untreue Dame ist Darstellerin in Telenovelas. Damals war sie Schauspielerin in kleinen Theatergruppen. Mein Landsmann, der arme Kerl, hatte wohl seine beste Rolle als Freund der Schauspielerin. Aber meine Rolle dabei war noch trauriger. Ich schaute zu, wie die Schauspielerin – damals noch jung, sanft, attraktiv und so italienisch wie ein Teller Nudeln mit roter Soße –...  ich hörte zu, sah, spürte und wurde Zeuge, wie sie verbrecherischerweise umgarnt wurde. Und ohne jede Art von Posie. Der heutige Manager umwarb sie mit grobschlächtigen Sprüchen wie: "Wann gehen wir zusammen ins Bett?", und sie antwortete, anstatt ihm eine leidenschaftliche Ohrfeige zu verpassen: "Nur jetzt geht es nicht, der Freund hier …" und sie deutete dabei mit dem Kinn auf mich, so wie man am Tisch auf Blinde deutet, weil man annimmt, sie seien auch taub.

Da sagte ich mir, nach diesem dritten Mal, "Nie wieder São Paulo". Das war aufrichtig gemeint und impulsiv, aber nicht wirklich. Ich wußte es nicht, und konnte es auch nicht wissen, denn ich hatte damals noch keine Gewissheit. Heute, 25 Jahre später, sehe ich das Postscriptum der Stadt. São Paulo, PS:

Unerwiderten Liebesschwüren soll man nie glauben.


Übersetzung aus dem Portugiesischen: Michael Kegler
© Urariano Mota 2004


nova cultura (issn 1439-3077) www.novacultura.de
© 2002 Michael Kegler, sternstraße 2, 65719 hofheim / novacultura@gmx.de

TFM-Zentrum für Bücher und Schallplatten in portugiesischer Sprache www.tfm-online.de
disclaimer / Haftungsausschluss