Von São Paulo habe ich Dinge gelernt, die erst im Nachhinein wirklich
empfunden und begriffen werden können. Wie ein erläuterndes Post
Scriptum.
São Paulo beim ersten Mal war eine Stadt, die mir mein Onkel zeigte,
vom höchsten Gebäude der Avenida Rio Branco herab. Er war Hausmeister
dieses Gebäudes, und von dort oben, vom Dach aus, das mir Schwindel
erregte, deutete er auf einen Wald aus Gebäuden, Nieselregen, Monumenten
und dunkle Erhebungen in der Ferne.
- Wie viele Recifes passen hier wohl hinein? Sag, wie viele Recifes?
Ich war siebzehn Jahre alt und fand keine Antwort. "Als ich zum ersten Mal
Teresa sah / fand ich sie hat dumme Beine". Was ich sah, war eine gewaltige
Großartigkeit in der es keinen einzigen Fluss namens Capibaribe gab.
Und Recife, das wusste ich damals noch nicht, war der Leib meiner Mutter.
Wie fragt man einen Jungen, wie viele seiner Mütter in etwas hineinpassen,
das fern im Nebel liegt? Mir fiel die Kinnlade herunter, und wahrscheinlich
habe ich geantwortet:
- Unheimlich groß.
Das muss meinem Onkel gefallen haben, denn wir sind gleich darauf wieder
hinunter gestiegen, von dem, was mir wie ein Trapez hoch über der Welt
erschien.
São Paulo beim zweiten Mal erschien mir in Gestalt eines Gyros-Grills.
Ich hatte Hunger, um zwei Uhr nachmittags auf der Avenida São João,
und gegenüber der Post am anderen Ufer der Straße stand ein
"Carrasco". Bitte denken Sie nicht, ich hätte mich in der Vokabel vertan.
Es war kein Churrasco, sondern Carrasco, der Scharfrichter. An der
Avenida São João stand der Henker und ließ messerscharfe
Klingen über Fleisch gleiten, das im Zwielicht gebraten wurde.
Stroboskopisches Licht, wie die Lichtblitze der Wurlitzer Jukebox. Und denken
Sie nicht, ich irre mich abermals. Nein, 1978 war São Paulo für
mich das Fleisch, das es nicht gab zu Mittag, und dieses Fehlen machte sich
so stark bemerkbar, dass mir die Lichter dieses Gyros-Grills wie das Blinken
der Jukebox im Hurenhaus erschinen. (Als ich zum ersten Mal Teresa sah, "dachte
ich auch, ihr Gesicht sähe aus wie ein Bein".) Sonntags, wenn das
Glück zu mir freundlich war, verwandelte sich São Paulo mit seinen
Bäckereien und Imbissen in ein Hundekino: all diese gebratenen
Hähnchen, die sich am Spieß drehten und rosafarbenes Fett hinabtropfen
ließen, hinter durchsichtigen Schaufenstern der Bratereien und allen
Säugetieren das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen. Wohlerzogen
wie wir, Bahianer aus allen Gegenden Brasiliens, waren, bellten wir nicht.
Dann gab es ein drittes Mal. São Paulo waren die Beine einer
jüdischen Teenagerin. In der fünf Grad Celsius kalten Nacht, im
Wohnzimmer, wo wir den Weg der brasilianischen Revolution diskutierten, ahnte
die junge Frau, dass einer von uns nicht einmal die allereinfachste Orientierung
besaß, nämlich zuerst etwas zu haben, wo er die Nacht in São
Paulo verbringen konnte. Auf einem Kissen auf dem Boden sitzend hob sie ihre
Knie, um darauf ihr Kinn zu stützen. Ihr langer Rock öffnete sich
wie die Vorhänge des Theaters Santa Isabel. Nachdenklich und konzentriert
gab sie der Nacht um Karel Kosik einen Hauch von Venus. Einer Nacht voll
von dialektischen Zitaten aber ohne einen Hauch wirklicher Liebe. Und kalt,
jawohl, so kalt, die Kleine, so viel Fleisch, das sich unserem Hunger darbietet,
und sagt: "Wie und wohin wollt ihr zu gehen? Lasst alle Hoffnung fahren":
Unsere Augen suchten sich ihren Weg und blieben stets am feinen Flaum ihrer
langen Beine hängen. Das schlaue, konzentrierte Mädchen schien
unempfindlich zu sein gegenüber den fünf Grad Celsius der Nacht
mit ihren nackten Schenkeln. Ich wusste nicht; das Perverse kennt keine
Kälte.
Dann kam die Stadt ihrer Enthüllung näher. In einer Bar an der
Praça Roosevelt, ganz oben und am Ende einer Wendeltrppe stand ich
unnützer- und peinlicherweise, feige und dumm, Schmiere, als einem Landsmann
Hörner aufgesetzt wurden. Derjenige welcher ist heute ein hohes (warum
eigentlich immer diese Adjektive für São Paulo? Hoch, immens,
schwindelerregend?)
der Täter ist heute ein hohes Tier bei einem
großen Kommunikationsunternehmen. Die untreue Dame ist Darstellerin
in Telenovelas. Damals war sie Schauspielerin in kleinen Theatergruppen.
Mein Landsmann, der arme Kerl, hatte wohl seine beste Rolle als Freund der
Schauspielerin. Aber meine Rolle dabei war noch trauriger. Ich schaute zu,
wie die Schauspielerin damals noch jung, sanft, attraktiv und so
italienisch wie ein Teller Nudeln mit roter Soße ... ich
hörte zu, sah, spürte und wurde Zeuge, wie sie verbrecherischerweise
umgarnt wurde. Und ohne jede Art von Posie. Der heutige Manager umwarb
sie mit grobschlächtigen Sprüchen wie: "Wann gehen wir zusammen
ins Bett?", und sie antwortete, anstatt ihm eine leidenschaftliche Ohrfeige
zu verpassen: "Nur jetzt geht es nicht, der Freund hier
" und sie deutete
dabei mit dem Kinn auf mich, so wie man am Tisch auf Blinde deutet, weil
man annimmt, sie seien auch taub.
Da sagte ich mir, nach diesem dritten Mal, "Nie wieder São Paulo".
Das war aufrichtig gemeint und impulsiv, aber nicht wirklich. Ich wußte
es nicht, und konnte es auch nicht wissen, denn ich hatte damals noch keine
Gewissheit. Heute, 25 Jahre später, sehe ich das Postscriptum der Stadt.
São Paulo, PS:
Unerwiderten Liebesschwüren soll man nie glauben.
Übersetzung aus dem Portugiesischen: Michael Kegler
© Urariano Mota 2004 |