Sieh deinem Leben ins Gesicht. Nimm es an. (...) Was
wir Seele nennen, ist ein verschlossener Garten. (...) Es gibt keinen
Schlüssel, um ihn zu öffnen. Ich war nicht fähig, ihm mehr
zu sagen.
Es ist kein Roman, es ist ein Netz. Eine Tapisserie?, behauptet
die Erzählerin irgendwann im Verlauf des Buches, das diese
Meta-Ebene so selbstverständlich zum Bestandteil der Handlung
macht, wie eine zwischen den Fingern zerquetschte Spinne oder schlicht Die
engen Straßen, die Türen mit den Holzlamellen, die Dächer
mit von Hand gefertigten Ziegeln aus Ton in einem kleinen Ort an der
Algarve, an den sich die Erzählerin zurückzieht, um zu schreiben,
Ordnung in ihren Zettelkasten, ihre Erinnerungen, ihr Leben zu bekommen:
Ich sitze auf der Tenne. Ich befinde mich im Mittelpunkt der Welt.
Lerne, mich nicht zu bewegen. Wenn ich die Augen schließe, flattern
Fledermäuse im Innern der Lieder.
Aus dem Netzwerk der Fragmente und Notizen entsteht ein Roman über die
Liebe, die Leidenschaft, auch ein Roman über Portugal nach der
Nelkenrevolution. Der Text, die Texte, Schlaglichter und Halluzinationen,
kreisen zugleich um das Scheitern von Biographien und das Ringen um deren
Selbsterhalt, wobei das Aufblitzen der einzelnen Schicksale in fataler Weise
immer wieder auf Verwerfungen, Katastrophen und Konflikte der europäischen
Geschichte verweist.
Und gleichzeitig ist es zu jeder Zeit möglich, manchmal sogar notwendig,
jedes einzelne Fragment, jeden einzelnen Satz als geschlossenes,
unabhängiges Kunstwerk zu lesen. Schließlich ist die Autorin vor
allem Lyrikerin, und der Übersetzer scheint sich dieses Umstandes bei
seiner Arbeit zu jeder Zeit bewusst gewesen zu sein.
Kurzum: Es ist ein wunderbares - wenn auch streckenweise beunruhigendes -
Stück Prosa, das nun, über 20 Jahre nach seiner
Erstveröffentlichung in Portugal, in eine hervorragende deutsche Fassung
übersetzt wurde. |