Licht für den Magier
des Studios
Das erste Album von Bid.
Eduardo Bidlovski ist einer der mutigsten Produzenten der
brasilianischen Szene, ein Typ, der bis zum Hals in Chico Science's
Afrociberdelia steckt, und auch andere hochkarätige Titel zu verantworten
hat, den aber kaum jemand kennt, außer den unvermeidlichen
Linernote-Schnüfflern, die sich mit einigen der heißesten
brasilianischen Platten der letzten Jahre eingehender beschäftigt
haben.
Nun, nachdem er bislang fremder Leute Arbeit zu gebührendem Glanz verholfen
hat, veröffentlicht Bid sein erstes eigenes Album Bambas & Biritas
- Vol. 1, (singemäß etwa: Gäste und Getränke)
das soeben über das Londoner Label Ether Music (Beleza Records) auch
europäisches Festland erreicht hat.
Zu hören sind auf der Scheibe elf Tracks, die der Inhaber des
Paulistaner Studios Soul
City eigenhändig komponiert und zum größten Teil auch
selbst arrangiert hat. Assistiert von Evaldo Luna und partiell
unterstützt von Elza Soares, Marku Ribas, Carlos
Dafé, Gustavo Black Alien, Rappin Hood, DJ Soul
Slinger, Funk Buia, sowie den "Gringos" Dasez, Muhammad
Mubashir und, selbstverständlich, dem 1994 verstorbenen Chico
Science. Es ist ein Album, das jeden Hörer von Anfang bis Ende gefangen
nimmt und all jene Lügen straft, die elektronische Musik für nichts
als ein Synonym für modischen Schnickschnack halten. Das gigantische
Team von der Gästeliste fühlt sich hörbar zuhause in den von
Bid geschaffenen "ambients", und das Ergebnis könnte kaum mer begeistern.
Zweieinhalb Jahre Produktionszeit, daneben war auch noch das zweite Album
von Funk Como Le Gusta fertig zu stellen, an dem Bid mitwirkt. Bestes
Stück im Repertoire ist "Roda Rodete Rodeano" der Pernambukaner
"emboladores" Caju e Castanha das gemeinsam mit Bid und dem unvergessenen
Kopf der Nação Zumbi, Chico Science 1994 eingespielt
wurde und bereits auf einer Beilagen-CD der brasilianischen Zeitschrift Trip
(Nr. 86 / 2001) erschienen ist.
Marku Ribas aus Minas Gerais, Perkussionist, Sänger und Komponist,
der etlich Leute aus Samba-Rock und angrenzenden Genres beeinflusst hat,
ist auch so einer der auf Bambas & Biritas strahlend wieder auftaucht.
Er singt "Fora do Horário Comercial", verfasst von ihm selbst in
Zusammenarbeit mit Bid und Arnaldo Antunes und macht damit umso dringender
auf das schmerzliche Fehlen eines eigenen neuen Werks aufmerksam, das nun
schon seit 14 Jahren auf sich warten lässt. 2001 hatten Bid und Marku
schon einmal die Produktion eines Comeback-Albums vereinbart. Bis heute leider
ohne Resultat.
Ein anderer, der auf dem Album wieder aufersteht, ist Carlos Dafé,
der auf zwei Stücken das E-Piano bewarbeitet: "Não Para", von
Bid sowie dem gewaltigen "Saudades da Black Rio", von Bid, Paulo William,
Sérgio Carvalho und James Müller. "Saudades da Black Rio" lebt
außerdem von den verschärften Bläsersätzen von Vitor
Santos (Tenorsaxophon), Cacá Malaquias (Altsaxophon),
Walmir Gil an den Trompete und den Posaunisten Tiquinho e
Paulo William. Carlos Dafé, einer der renomiertesten Gestalten
im Radio der siebziger Jahre kehrt zurück und beweist, dass sein
Talent nicht hinter den "pérolas negras" Cassiano, Gerson King Combo
& Cia zurücksteht.
Richtig swingen werden die Europäer allerdings mit Seu Jorge,
der Bid auf "E Depois..", einem anderen Höhepunkt des Albums, begleitet.
Der ehemalige Mitstreiter der Farofa Carioca, der in seiner Eigenschaft
als Mitwirkender an den in Europa heftig gehypten Filmen Cidade de Deus
von Fernando Meirelles sowie Moro no Brasil des Finnen Mika
Kaurismäki, eine Weile seinen Wohnsitz eben dort hatte, genießt
hohes Ansehen außerhalb Brasiliens. Und nun, da auch MTV Brasil eine
DVD mit ihm veröffentlicht, wird sein Ranking in der Musikszene der
Baixada Fluminense wie ein Heißluftballon in die Höhe steigen.
Elza Soares singt "Mandingueira" aus der Feder von Bid, Walmir Gil
und Iará Rennó. Sie quält und stichelt die vernagelte
Birne aller Samba-Puristen und leistet sich mit Bid eine
Bossa-Nova-Drum'Bass-Orgie. Und auch Hip-Hop ist dabei, in zwei recht kuriosen
Momenten. Zunächst mit Gustavo Black Alien und dem New Yorker DJ Soul
Slinger auf "Na Noite Se Resolve" (Bid, Slinger, Alien, S. Bártolo
e K. Stolarski), und später auf "Maestro do Canão", von Bid und
Rappin Hood. Letzterer teilt Mikrophon und Stimme mit Funk Buia in einer
Hommage an Sabotage, den auf den Straßen São Paulos zu
Tode gekommen en Rapper.
Bambas & Biritas - Vol. 1 hat allerdings auch seine schwachen Seiten.
Bid kann nämlich nicht singen. Er weiß das, und hat doch seine
Stimme auf zwei Stücke gebrannt: "Não Para", dem ersten Stück
der CD, eine Entgleisung, die den Glanz des Gesamtwerks glücklicherweise
nicht schmälert. Später auch auf den Bonus-Track "Estou Bem Longe
(Do que me faz Mal)", das schon weniger interessant ist. Auch "Soul Survivor",
auf englisch abgeliefert von Dasez und Muhammad Mubashir, disharmoniert ebenfalls
von der übrigen Platte und hinterlässt den Eindruck, man habe es
nur im Hinblick auf zukünftige internationale Produktionen auf der Playlist
gelassen.
Und dann wieder sind auf der CD Aufnahmen von Bids Anrufbeantworter zu
hören, von Arnaldo Antunes, Marku Ribas, Bids kleinem Sohn und selbst
einem ugeduldigen Gläubiger, was dem ganzen wiederum eine spielerische,
unprätentiöse Note verleiht. Ein paar dieser unglaublichen "Szenen"
sind alleine diese CD wert.
Und wer ist Bid?
Eduardo Bidlovski beginnt, sich ernsthaft mit Musik zu beschäftigen,
als er 1985 bei Tokyo anfängt, einer Rock Band aus São
Paulo. Sein Bruder Rocco saß dort am Schlagzeug. Sie nahmen eine Platte
auf, Humanos, tourten durch ein paar brasilianische Städte, traten
sogar im Fernsehen auf, aber dabei blieb es eigentlich. Zwei Jahre später
packt Bid seine sieben Sachen und bricht auf in das berüchtigte Los
Angeles (Lost Angels, wie der alte Bukowski zu sagen pflegte). Er blieb sechs
Jahre in den Staaten, spielte in Rock Bands und arbeitete bei Capitol Records,
wo er Demo-Tapes hören und auswählen durfte. 1993 kehrt er mit
einiger Lebenserfahrung zurück nach "Sampa" (São Paulo, a.d.Ü.)
beginnt Jingles zu produzieren und eröffnet hierzu sein eigenes Studio
zuhause, dem er den Namen Soul City verpasst.
Als ihn Professor Antena einlädt, grift sich Bid wieder die Gitarre
und spielt auch den DJ, bis ihm eines Tages die Idee kommt, jeden Mittwoch
selbst etwas in einer Bar in Paulicéia auf die Beine zu stellen. Er
zeigt Dias, lässt DJs aufspielen und Live-Acts. Funk Como Le Gusta
nennt er diese Abende, und später wird dies die Bezeichnung für
ein Projekt von 11 unterschiedlichen Köpfen, darunter
Paula Lima, die in Sachen Black Musik
so ziemlich alles kann und kennt. Funk Como Le Gusta veröffentlichten
mit Roda de Funk ihre erste Platte, erst independent, später
auf Trama. Eine Scheibe voll von Einflüssen eines Jorge Ben (logisch!),
Bebeto, Dafé, Tim Maia etc. Die Platte erschien 1991 und vereinte
außer dem Besten Köpfen der Gruppe (darunter die Perkussionistin
Simone Soul oder die Bläser Hugo Hori und
Tiquinho), Leute wie Fernanda Abreu, Sandra de
Sá - die auf dem Macau-Stück "Olhos Coloridos" im Duo mit
Paula Lima singt - oder Banda Mantiqueira und Black Alien.
Ein Who is Who, wie man sieht.
Bis zu seiner ersten eigenen Platte produzierte Bid Gott und die Welt: mundo
livre s.a. (das exzellente "Carnaval na Obra", zum Beispiel, gemeinsam
mit Carlos Eduardo Miranda, Edu K. und Apollo 9),
Otto, Daúde, Planet Hemp, Pavilhão
9 und die chilenische Band Chancho en Piedra. Für Chico
Science & Nação Zumbi arbeitete er auf der unglaublichen
zweiten Platte, der bereits genannte Afrociberdelia, sowie dem
anschließenden durchwachsenen Doppelalbum CSNZ.
Vor drei Jahren übernahm Bid die Spitze der Suba Dream Band,
die auf dem "Ecosystem 1.0"-Festival in Amazonien ihren Auftritt hatte. Eine
Gruppe von Einzelpersonen wie Marcelo D2, Gustavo Black Alien,
Eder "O" Rocha von Mestre Ambrósio, Dafé,
Marku und einigen Mitgliedern von Funk Como Le Gusta. Es war eine
Hommage an den jugoslawischen Produzenten Mitar Subotic, der 1999 beim Brand
seines eigenen Studios in São Paulo ums Leben gekommen ist. |