Zwei Mal pro Woche ist es mir vergönnt, Jugendliche aus den ärmeren
Stadtvierteln in Portugiesisch zu unterrichten. Besser gesagt, zu versuchen,
das bisschen, das ich selbst kann, zu vermitteln. Noch besser gesagt, mich
kühn auf das Abenteuer einzulassen, Dinge zu unterrichten, in denen
ich mir selbst nicht sehr sicher bin. Und noch einmal besser gesagt: Bitte
denken Sie beim Lesen nicht, dieses Eingeständnis des eigenen Unwissens
sei die Zurschaustellung reinen Pharisäertums. Vielmehr ist es die Bitte
um Verzeihung an alle Lehrer, die wirklich gut Portugiesisch können.
Und auch eine Bitte um Nachsicht an alle, die meinen, es zu können und
davon überzeugt sind. Sie müssen wissen, sage ich den
überzeugten Wissern, ich bin, was das Portugiesische angeht, ebenso
blöd wie meine lieben Freunde. Daher bitte Nachsicht. Für die
Mühe die ich mir gebe, verdiene ich
, genauer gesagt, ich habe
sie mir verdient: Nachsicht! Die Nachsicht!
Die Schüler, ist mir aufgefallen, sind bisweilen weit weniger dumm als
ihr Meister. Sie sind klüger, trotz ihres geringen Alters, so zwischen
15 und 17 Jahren. Das fiel mir auf, denn hier und da, an Stelle der
Demonstrationen meiner Unkenntnis in Adverbien, Substantiven, Haupt- und
Nebensätzen (und immer wenn ich ihnen davon erzähle, bzw.
unglücklicherweise dieses Risiko eingehe, spüre ich, wie meine
Augen zur Decke hinaufwandern und nach einem Einschub suchen, den
substantivischen Flug einer Stubenfliege, die am Ende stets dort zu landen
kommt, wo Jugendliche am schönsten sind: auf dem Oberschenkel des
Mädchens neben mir)
wie ich bereits sagte, wäre da nicht
die ständige Unterbrechung durch gelegentliche Einschübe: An Stelle
der großen Lektionen in offizieller Schreibweise, die ich wie ein Papagei
ununterbrochen daherbete, bitten sie mich, ihnen einen Geschichte zu
erzählen. Wie klug sie sind!, erkenne ich erleichtert. Eine Geschichte,
ja, eine gute Geschichte, eine wahre Geschichte, am besten eine, die dem
Meister selbst zugestoßen ist, der selbst nicht die seltene Gabe besitzt,
sie gut zu erzählen, dafür aber den unschätzbaren Vorteil,
ihr Protagonist zu sein, das heißt, die Figur des Meisters ist eine
lächerliche Gestalt, die nicht erst erfunden werden muss. Doch bevor
ich beginne, brauche ich es ist schließlich eine Abweichung
vom offiziellen Programm einen Aufhänger. Wie in dieser Woche.
«Professor», so nennen sie mich, «Professor, mit Gedichten
kann ich nichts anfangen.»
Der so zu mir spricht ist ein schmächtiger Junge mit blonden Haaren,
indianischer Abstammung. Nicht wundern, das ist der brasilianische Schmelztigel.
Und ich, Nachfahre einer Schwarzen und eines Weißen und von Indianern
auch aber nicht wundern, für Brasilianer bin ich Portugiese ,
ich antworte ihm also, ihm und allen anderen armen Jugendlichen im Saal,
die so sind, wie ich einmal war:
«Wenn man so alt ist wie ihr, sucht man die Nähe der Dichtung immer
dann, wenn man in der Liebe enttäuscht wurde. Dann liest man, versteht
alles. Ging es euch schon einmal so? Nein? Seid nie abgeblitzt, wurdet nie
zurückgewiesen von der Person die ihr geliebt habt? He?» (Schweigen,
doch die traurigen Blicke bestätigen alles. Und daher entwaffne ich
ihre Traurigkeit und erzähle von meiner).
«Also ich schon. Ist mir schon passiert. Aber das ist eine lange Geschichte,
wir haben wenig Zeit
wir müssen weitermachen.»
«Die Geschichte, die Geschichte, Professor!» bitten mich die Burschen
weil sie lachen wollen und die Mädchen weil sie weinen wollen und lachen:
«Die Geschichte, bitte
»
Und so fange ich an. Es war so.
«Das Mädchen, das mir die Lyrik beibrachte, war die Tochter eines
Lehrers. Sie brachte mich auf indirekte Weise zur Poesie. Oder auf sehr direkte.
Ihr werdet ja sehen. Sie war sehr schön. Sogar ihr Name, den ich euch
nicht verraten werde. Ihr Name war die weibliche Variante eines
Männernahmes, einer von denen die wunderschön klingen, wenn man
sie ins Weibliche übersetzt. (Antonia, Amarilda, brüllten
sie mir zu). Nein nein, es hat keinen Sinn, ich sage ihn nicht. Nun gut.
Sie hatte eine hindu-braune Haut, braun wie eine Pakistanerin, bis heute
vergesse ich das nie (ich spüre schon, dass ich abschweifen werde).
Nun gut. Anfangs ging ich wegen des Lehrers selbst zu dem Lehrer hin. Und
ab und zu auch, um etwas zu Mittag zu essen, am Sonntag. Der Lehrer war ein
großer Humanist und wußte, das humanistischste ist, einem hungrigen
Schüler zu essen zu geben. Am Anfang. Dann, als ich sie sah, besuchte
ich den Lehrer jedes Wochenende, auch wegen der Tochter. Aber noch konnte
ich sie nicht lieben. Ich war vollkommen bedürftig, hatte kein Geld,
höchstens einen Rückfahrschein in der Tasche, manchmal nicht einmal
das. Wahrscheinlich bin ich seitdem ein so guter Fußgänger. Nun
gut. In diesem Stadium kam ich für sie nicht in Frage Ihr kennt das:
kein Geld, sie ins Kino einzuladen, keine Möglichkeit, ihr Schokolade
zu schenken, ein gutes Bonbon, so eins, das den Atem erfrischt und nach
Parfüm riecht und so frisch, schon von weitem
ihr versteht mich
(sie schauen noch trauriger. Und deshalb scheuchte ich sie mit einer raschen
Kehrtwendung auf). Aber ich suchte mir eine Arbeit. Ja, ich begann zu arbeiten.
Aber mir fehlte der Mut. Könnt ihr euch vorstellen. Das Wohnzimmer des
Lehrers war eine Bibliothek. Könnt ihr verstehen, was das bedeutet?
In unseren Wohnungen steht im Wohnzimmer der Wohlstand seiner Bewohner zur
Schau: Gute Möbel, ein guter Fernseher, gute Stereoanlage, Sofas
ein Haufen Krimskrams. Nicht so im Haus dieses Lehrers, und jetzt verrrate
ich euch seinen Namen, sein Name muss genannt werden: Arlindo Albuquerque,
Humanistischer Lehrer für Französisch und Portugiesisch am
Colégio Alfredo Freyre in Água Fria. In seinem Haus, nichts
davon: Die Bücher breiteten sich über dan gesamten Raum aus bis
in die Diele. Nun gut. Ca
beinahe hätte ich ihren Nahem genannt,
meine Geliebte, meine Angebetete
solange der Lehrer nicht da war,
empfing sie mich in kurzen Hosen, ihre dunklen Beine zum verrückt
werden, und studierte dabei Medizinbücher». (Nun glänzten
die Augen der Jugendlichen).
«Medizin? War sie älter als Sie?»
«Ja, ich glaube ein Jahr, aber damals, als ich schon arbeitete, war
ich bereits 20 Jahre alt
aber ich hatte keinen Mut. Je mehr ich sie
begehrte, desto mehr verschloss ich mich. Klar, dass ihr das auffiel. Eine
Frau in jugendlichem Alter spürt, wenn jemand an ihr interessiert ist.
Keine Ahnung, woher ich diese Weisheit habe, erzählt hat sie mir keiner
(Die Mädchen stimmen mir zu, die Jungs protestieren). Es ist
instinktiv!» (Damit verliere ich dann auch die Unterstützung der
Mädchen, die sich aus naheliegenden Gründen nicht mit animalischen
Weibchen gleichsetzen lassen wollen).
«Nun gut. Zu dieser Zeit ergatterte ein Freund von uns seine erste
Arbeitsstelle. Und um dieses Glück zu begehen, sollten wir feiern, und
feiern hieß trinken, trinken und singen. Was wir auch taten. Und sicher
ist, dass auf der Rückfahrt, diejenigen, die auf einem offenen
Pritschenwagen mitfuhren, ich und ein paar andere, in einer tückischen
Kurve vom Auto und auf den Boden geschleudert wurden. Mit einem Schlag waren
wir wieder nüchtern. Vor Schreck. Nun gut. Dieser Vorfall in all seiner
Ungebührlichkeit wurde ihr zugetragen, genauer gesagt, gebührend
zugetragen, nahm er doch den Platz dessen ein, was nicht ausgesprochen werden
durfte, nämlich, dass ich verrückt nach ihr war. (Und ich erzähle
euch jetzt nicht, wie verrückt das wirklich war, in dieser Mischlings-
und Kastengesellschaft - wie unmöglich diese Liebe war). Nun gut, der
Vorfall wurde erzählt, und sie lachte, lächelte, prustete vor Lachen,
prustete wie die bösen Frauen in der Telenovela, dies wunderschönen
bösen Frauen, die die tugendhaften jungen Männer verachten, die
nix am Arsch haben.
Kennt ihr den Ausdruck nix am Arsch haben? Dieser Ausdruck (ich
spüre, dass jedwede Exegese hier unangebracht wäre)
nun
gut. Ihr Lachen schockierte mich, und daher versuchte ich mich in einem
Prosagedicht. Es ging so: Eine ferne Frau, hindubraun und mit Mandelaugen
wandert durch mein Leben. Ferne Januária, Januária ohne Fenster,
lächelt und spottet der Anwärter, die betrunken sich von Lieferwagen
stürzen
Ach lächelte sie nicht so, denn so kann ich nicht
leben, unendlich wartend auf die Frau, die mir das Leben nahm. Und
was tat ich dann? Eines schönen Nachmittags gehe ich zu ihrem Haus,
gebe ihr am Tor diesen Schrieb, werde rot und renne fort, könnt ihr
euch das vorstellen? Ich rannte fort, ganz weit fort von ihr, verschwand,
war weg. Und so gingen drei Monate ins Land, drei mal lange 30 tage hielt
ich es aus, bis ich eines Morgens zurück kam. Und zwischen uns entspannte
sich folgender kurzer Dialog:
Hast du es gelesen?
Was?
Das Gedicht
(Unschuld ist eine Kunst sage ich mir)
Ach das?
Ja schlucke ich, Das.
Ach, ich kann mit Gedichten nichts anfangen
Und so lehrte sie mich, was Lyrik ist und was nicht, und so lehrte sie mich,
dass Poesie nicht unter die Haut derjenigen geht, die dem Leiden anderer
gegenüber imun sind. Könnt ihr euch vorstellen, wie sehr ich mich
anschließend mit Lyrik befasst habe. Versteht ihr?»
Sie verstehen, verstehen und bleiben ernst, lächeln. Keine Ahnung, ob
es pädagogisch ist, keine Ahnung ob es eine gute Portugiesisch-Stunde
war, nicht einmal ob so etwas auf lange Sicht pädagogisch ist. Keine
Ahnung. Aber ich hatte stets großen Erfolg mit meinen Geschichten für
arme Jugendliche. Sie haben immer mehr davon hören wollen.
© Urariano Mota 2005
Übersetzung: Michael Kegler |
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