Wie schafft es eigentlich die Musik der Kapverden immer wieder neu und
überraschend zu klingen, obwohl sich an dem seit Jahrzehnten eingespielten
Melodienkanon kaum etwas Wesentliches ändert? Lässt der der die
Inseln umgebende Atlantik einfach nur die besten InterpretInnen
herüberschwappen? Oder ist es, weil in jeder Variation eine neue Geschichte
mitschwingt. Geschichten wie diese:
Terezinha Araújo wächst im im Exil in Conakry (Guinea) auf.
Es ist die Zeit des Unabhängigkeitskampfes der Kapverden und Guinea-Bissau.
Erste Auftritte absolviert Terezinha als Kind in einer Theatergruppe der
kapverdischen Exilanten, und dann wird sie von der ebenfalls im Exil
lebenden Miriam Makeba entdeckt und gefördert.
1972 singt sie in Dakar vor kapverdischen Exilanten, und bei der Morna
«Fidjo Magoado» brechen ihre Landsleute in Tränen aus, sagt
man. Ein Jahr später singt sie als jüngste Künstlerin auf
den Weltfestspielen der Jugend in Berlin (DDR) vor einem internationalen
Publikum und geht anschließend auf ein Musik-Internat in die
Sowjetunion.
Erst 1975 - nach der Unabhängigkeit - lernt sie die Kapverden und den
Komponisten des «Fidjo Magoado» endlich persönlich kennen,
studiert und arbeitet aber weiter in der Sowjetunion, und es sollte 1985
werden, bis sie ihren ersten Solo-Auftritt «zuhause» absolviert.
Als Mitarbeiterin des Kulturministeriums lässt sie sich dann auch endlich
auch auf den Kapverden nieder.
Anfang der neunziger Jahre gründet sie den Kulturverein Simentera und
tourt abermals um die Welt und nimmt mehrere Platten auf. Ihre erste eigene
CD erscheint nun, 30 Jahre nach den ersten Solo-Erfolgen in Dakar, aufgenommen
in Berlin, in denen auch die Weltfestspiele der Jugend längst schon
verblassende Geschichte sind.
Das alles lässt sich auf einer CD in Musik packen? Vielleicht. Mit
«Fidjo Magoado» selbstverständlich, dem Lied, das sie seit
1972 begleitete. Mit zahlreichen Vertonungen des Guinéischen
Nationaldichters und Unabhängigkeitsaktivisten José Carlos Schwarz
und «Guerrilheiro» von Abilio Duarte, einem politischen
Weggefährten von Amilcar Cabral. Texte, die man ruhig auch im Booklet
hätte wiedergeben können. Und mit «Monami» einem
angolanischen Klassiker von Lurdes Vandunem, der, anrührender noch
als «Fidjo Magoado» zu den Highlights der an Highlights nicht armen
CD gehört..
Wer kein Interesse an der Geschichte hinter der Musik hat, erfreut sich einfach
an den mitreißenden Melodien, an der außerordentlich sympathischen,
kraftvolle, variationsreiche Stimme der Interpretin, umrahmt von ebenso
kraftvollen Arrangements aus dem klassischen Instrumentarium (Gitarre,
Perkussion, Klavier) und einigen dezent platzierten Extras, wie Geige, Balafon,
Kontrabass, Harmonika. Mehr braucht es nicht, um nach einer jahrzehntelangen
Odysse durch die halbe Welt musikalisch wieder ganz zu Hause (wo genau ist
eigentlich zu Hause?) anzukommen:
In den vergangenen zwei Jahren war Terezinha Araújo mehrmals auf
Deutschland-Tournee. Bei der Gelegenheit entstanden auch die Aufnahmen zu
der CD, die in einer Vorab-Version und mit anderer Titelfolge (achtung,
Raritäten-Sammler) bereits im vergangenen Jahr von der Bühne herab
verkauft wurde.
Nun ist eine richtige Plattenfirma gefunden. Das hat die Musik mehr als verdient.
Die Kritik überschlägt sich bereits. Was sollte sie auch anders
tun. |