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Die Rückkehr der verwunschenen Compagnie
Dubas bringt den Klassiker O Grande Circo Místico neu heraus

Chico Buarque & Edu LoboChico Buarque e Edu Lobo können sich rühmen, den wahrscheinlich besten Soundtrack für ein brasilianisches Ballett aller Zeiten geschrieben zu haben. Besonders beeindruckend an dem Repertoire, das sich an dem Gedicht «A Túnica Inconsútil» von Jorge de Lima aus dem Jahr 1938 inspiriert, ist, wie wunderbar unabhängig es von jeder Bühne, als reines Musikstück funktioniert. Sicher ist, dass Chico Buarque und Edu Lobo sich derart in die Herausforderung vertieften, Tänzerinnen und Tänzer zum Schweben zu bringe, dass ihr Werk die Verse des Dichters aus Alagoas um Längen übertrifft.

O Grande Circo MísticoAuf O Grande Circo Místico, die als LP im Jahr 1983 bei Som Livre erschien, ist einfach alles gelungen! Angefangen bei den fantastischen Cover-Illustrationen des Drehbuchautors Naum Alves de Souza bis hin zu den unübertroffenen Arrangements von Chiquinho de Moraes und Edu Lobo. Hinzu kommt, dass die grandiosen Lieder auf dem Album von nicht minder großen Interpretinnen und Interpreten umgesetzt werden: Milton Nascimento bis Tim Maia, über Gilberto Gil, Gal Costa, Zizi Possi, Simone und Jane Duboc, nicht zu vergessen natürlich Chico Buarque und Edu Lobo selbst. Begleitet werden sie unter anderem von Márcio Montarroyos, Mauro Senise, Antônio Adolfo, Hélio Delmiro, Cristóvão Bastos, Jamil Joanes und Oberdan Magalhães. Und alle zusammen erzählen sie die Geschichte der Zirkus-Familie Knieps.

Die CD, die Dubas, die Plattenfirma von Ronaldo Bastos, nun auf dem Markt bringt, wartet mit einigen besonderen Attraktionen auf – nichts anderes erwartet man vom Label des besten Texters des Clube da Esquina. Vier Instrumental-Stücke, die auf der LP-Version von Som Livre damals fehlten, sind nun auf der CD, darunter eine Piano-Version von Tom Jobim für Beatriz, die wiederum im Original von Milton Nascimento unsterblich gemacht wurde. Außer diesem Stück sind «Dança de Lily Braun», «A Levitação» und «A Dança dos Banqueiros» neu zu hören.

O Grande Circo MísticoDer Soundtrack zu O Grande Circo Místico ist eine Begegnung zweier Genies auf ihrem jeweiligen Schaffenshöhepunkt. Edu Lobo war 1983 in einem Schaffensrausch, komponierte für das Ballettstück Gabriela am Teatro Teatro Municipal do Rio de Janeiro; ebenfalls zusammen mit Chico Buarque für das Musical Vargas von Dias Gomes und Ferreira Gullar sowie den Soundtrack für den Film Cavalinho Azul von Eduardo Escorel, mit Texten von Cacaso. O Grande Circo Místico war Edu Lobos zweite Arbeit für Guaíra, der zuvor schon bei ihm die Musik zu Jogos de Dança aus dem Jahr 1980 in Auftrag gegeben hatte.

Edu Lobo widmete sich den Soundtracks stets mit Herz und Seele. Seine ersten Erfahrungen in diesem Bereich datieren auf das Jahr 64 und das Stück Os Azeredos Mais os Benevides, von Oduvaldo Vianna Filho, dessen Aufführung am Theater der Studentenvereinigung UNE - União Nacional dos Estudantes von der Militärdiktatur verhindert wurde. Ein Jahr später tat sich Edu Lobo mit Augusto Boal und Gianfrancesco Guarnieri zusammen um das legendäre Musical Arena Conta Zumbi zu schreiben, dem zwei weitere Stücke folgten: Marta Saré, Deus Lhe Pague (mit Vinicius de Moraes) und Me Dá o Mote, ebanfalls mit Guarnieri.

Für O Grande Circo Místico zu koponieren war eine enorme Herausforderung. «Ich fragte mich, wie es wohl möglich sein würde, eineinhalb Stunden Ballet, 12 Szenen, aus diesem einzigen kleinen Gedicht herauszuziehen. Steckte wirklich so viel darin, und wo sollte ich anfangen?», drückte Edu seine Verzweiflung angesichts leerer Notenblätter auf. «Mein Glück war mein Partner, Chico Buarque. Seine Ausarbeitung meiner Ideen hat mich gerettet», erzählte Edu irgendwann einmal der Presse.

Chico Buarque seinerseits litt auch an der circensischen Herausforderung. Er steckte nämlich bis zum Hals im Wahlkampf von 1982, den ersten freien Wahlen seit dem Militärputsch von 1964. Da war wenig Zeit und noch weniger Ruhe, um für Edu Lobo Texte zu schreiben. Abgesehen davon, dass er zunächst von dem ganzen Kontext des Stückes nicht sehr begeistert war. 1983 gestand er Ana Maria Bahiana: «Trotz meiner religiösen Vorbildung, die ich mehr oder weniger archiviert hatte, hat mich Mystizismus und so Zeug nie interessiert. Ich musste mich wirklich hineinknieen, wirklich recherchieren, um diese Texte schreiben zu können».

Und was wür Texte! Seine Skepsis gegenüber den esoterischen Instanzen wird explizit in dem göttlichen Stück «Sobre Todas as Coisas» – das Gilberto Gil mit Brillianz intoniert – , in dem Chico existenzielle Fragen stellt: «Unseren Herrn / Frag' ob Er aus dem Dunkel das strahlende Licht schuf / Ob alles erschaffen ist - Mann, Frau, Tier, Blume /  Nur um den Schöpfer zu preisen». Und weiter: «Oder ob Gott / der unser so grausames Begehren schuf / uns die Täler zeigt, in denen Milch und Honig fließen / Und ob diese Täler Gott gehören»

Es ist dem Produzenten dieser Platte, Homero Fereira, zu verdanken, dass Chico Buarque sich überhaupt mit Spirituellem befasste und all die Bücher las, die Homero ihm auslieh, über Trance, Zen-Buddhismus, Religionen. «Ich glaube nicht an die Heiligkeit des Künstlers, wie es das Stück vorgibt. Der Künstler als Person ist ein Mensch wie alle anderen. Natürlich glaube ich, dass etwas besonderes geschieht, wenn er auf der Bühne steht, im Theater, im Zeirkus, wo auch immer. Da kann man dann schon von Trance reden, von einem Medium», sagt Chico.

Sechs Monate brauchte es, bis die Texte fertig waren, und das Ergebnis trieb Edu Lobo die Tränen in die Augen, insbesondere «O Circo Místico», das dann Zizi Possi interpretierte und «Sobre Todas as Coisas», das Gilberto Gil singt. Gal Costa tritt auf in Gestalt der sinnlichen Lily Braun und Tim Maia bahnt sich seinen Weg durch den Soundtrack als perfekte Inkarnation des Rudolf, eines Boxers und Monstrums der Margarete vergewaltigt. «Mir war klar, dass diese Rolle für mich übrig bleiben würde», sagte der damalige Frontman der Band Vitória Régia, als er erfuhr, für war man ihn auf der Platte vorgesehen hatte.
Und sogar Simone, die wenig später eine Karriere als Schnulzensängerin einschlagen sollte, beweist sich hier als die hervorragende Sängerin, die sie einmal war.

Das Ballett-Stück O Grande Circo Místico feierte in ganz Brasilien Erfolge und wurde vor einigen Jahren sogar noch einmal neu inszeniert. Der Soundtrack von Chico Buarque de Holanda und Edu Lobo bewahrte es stets vor dem Vergessen - sogar in Brasilien.

Felipe Tadeu
Brasilkult@aol.com
Übersetzung: Michael Kegler

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Felipe Tadeu
ist Journalist und Spezialist für brasilianische Musik.
Auf Radio Darmstadt produziert er regelmäßig die Sendung »Radar Brasil«.
Er lebt seit 1991 in Deutschland und ist inzwischen vor allem unter dem Pseudonym DJ Fila bekannt.

email: brasilkult@aol.com


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