Tom Jobim hat eins, Chico Buarque hat eins und Caetano, Gil,
Cazuza, Djavan und Rita Lee auch. Warum dann nicht auch Itamar
Assumpção? Fast zwei Jahre nach seinem Tod am 12. Juni 2003
soll nun auch der produktivste und rebellischste Protagonist der so genannten
Vanguarda Paulista sein "Songbook" bekommen, das wohl noch in der
ersten Jahreshälfte erscheinen soll. Mit finanzieller Rückendeckung
der brasilianischen Ölgesellschaft Petrobrás nahm der Journalist
und Musiker Luiz Chagas 2004 zusammen mit seinen Journalistenkollegen
Mônica Tarantino, Lucas Carrasco und anderen ein Projekt in Angriff,
das für das musikalische Vermächtnis des ewigen Outcasts von
großer Bedeutung ist. Das Songbook umfasst zwei Bände mit den
Noten aller Kompositionen Itamars und eine ganze Reihe von musiktheoretischen
und biographischen Texten sowie Beiträge von Freunden des Künstlers.
Jedem der Bände liegt eine CD bei mit einer Auswahl der besten Stücke
aus Itamars acht Alben.
"Wir wollen mit dem Songbook das Werk Itamars, das ja fast vollständig
außerhalb des offiziellen Musikmarktes erschienen ist, offiziell
machen", sagt Luiz Chagas. Der Gitarrist der inzwischen legendären
Banda Isca de Polícia arbeitet mit Hochdruck an dem Projekt,
dessen ursprüngliche Veröffentlichung bereits für vergangenen
Dezember geplant war, um damit allen Bewunderern des Rebellen, der aus
Tietê, aus dem Hinterland von São Paulo in die Metropole zog,
ein Kompendium in die Hand zu geben, das dem Wirken des Musikers gerecht
wird. Ein Anerkenntnis seiner Genialität, das Brasilien dem Künstler
zu Lebzeiten schuldig blieb.
Doch Luiz Chagas' Pläne und die der riesigen Familie um Itamar
Assumpção (Blutsverwandte und dutzende und aberdutzende Bewunderer,
darunter auch solche, deren Meinung in Brasilien etwas gilt), gehen noch
darüber hinaus. "Wir tragen und mit der Idee einer Stiftung, einem Archiv
oder etwas ähnlichem, um alles Material auf DVD zu übertragen,
auf Live-Platten und bisher unveröffentlichte Alben. Das hat nichts
mit Merchandising zu tun und ist auch keine private Spinnerei. Das Werk Itamars
verlangt dies, das immer noch in diversen Schubladen steckt und das wir an
die Öffentlichkeit bringen möchten", verrät Luiz Chagas. Itamar
hatte selbst schon immer eine Box mit allen seinen Platten herausbringen
wollen - ein Traum der schlicht dadurch verhindert worden war, dass die
entsprechenden Master verschollen waren. Man war dann sogar auf die Idee
gekommen, die Platten neu aufzunehmen, Platte um Platte, mit den
ursprünglichen Arrangements. Aber mit Itamars Abgang in andere Sphären
blieb als Alternative nur das digitale Remastering der alten LPs.
Die CDs zu dem Notenbüchern werden je um die vierzehn Stücke
beinhalten. Auf der ersten, einige der besten Stücke aus den vier ersten
LPs: Beleléu, Leléu, Eu, von 1980; Às
Próprias Custas S.A., von 83; Sampa Midnight, von 86; und
Intercontinental, Quem Diria! Era Só o que Faltava!!!, aus
dem Jahr 1988. Der zweite Band präsentiert Stücke aus der Trilogie
Bicho de Sete Cabeças aus dem Jahr 1994 sowie aus dem letzten
zu Lebzeiten veröffentlichten Album Pretobrás - Por que que
Eu Não Pensei Nisso Antes? aus dem Jahr 1998 (und man darf
sicher sein, dass der wortspielerische Titel dieser letzten CD die
Entscheidung der Ölfirma Petrobrás für ein Sponsoring deutlich
erleichtert hat). Luiz Chagas schließt auch nicht aus, dass ein weiterer
Band veröffentlicht werden könnte, der sich Itamars Hommage an
Ataulfo Alves annimt: Pra Sempre Agora aus dem Jahr 1995, die als
eine der besten Arbeiten des Künstlers gilt.
Isca & Orquídeas
Um die Songbooks angemessen zu präsentieren planen die
Herausgeber zwei Gruppen wieder zusammenzuführen, die Itamar in den
23 Jahren seiner Karriere begleitet haben, die Banda Isca de
Polícia sowie die Frauenband As Orquídeas do Brasil.
Wenn dabei ähnliches passiert, wie bei der ersten Begegnung der beiden
Bands in einigen Nächten im April 2004, als im Sesc Pompéia zu
São Paulo posthum die Platte präsentiert wurde, die Itamar mit
Naná Vasconcelos aufgenommen hatte, wird das Songbook vom Start weg
ein Bombenerfolg. Damals standen auf der Bühne: Meister Naná
selbst, dann Zélia Duncan, Paulo Lepetit - Produzent und treuer
Wegbegleiter von Itamar -, Bocato, Webster Santos und Anelis
Assumpção, eine der zwei Töchter Itamars. Das Resultat
war überwältigend, vor allem für diejenigen, die noch Zweifel
daran hatten, dass Zélia Duncan den Mut haben würde, ein komplettes
Itamar-Assumpção-Repertoire zum besten zu geben, wo doch ihre
eigenen Platten einer komplett anderen ästhetischen Linie folgen. Auch
Luiz Chagas war tief beeindruckt von den Vorstellungen: "Nun wollen die sechs
durch Brasilien touren, eine DVD aufnehmen und eine Platte. Was sie machen
ist wunderbar." Und was Zélia Duncan und auch Cássia Eller
angeht, die ja diejenigen waren, die Itamars Werk am ehesten noch in - nennen
wir es einmal so - kommerzielle Kreise transportieren konnten, ist Luiz Chagas
voll des Lobes und erzählt von den Proben zu einem Benefiz-Konzert für
den mittellosen und krebskranken Itamar. Beide Sängerinnen wollten,
ohne jede Star-Allüre, unbedingt gemeinsam mit Itamars Band proben:
"Ihr seid seine Musiker. Ihr spielt!", sagte Cássia, als ihr angeboten
wurde, bei dem Konzert auch Gitarre zu spielen. Das Konzert hatte auch insofern
etwas ganz besonderes als der Begünstigte der Benefiz-Show nicht davon
abzubringen war, selbst dabei zu sein und zu spielen. Luiz Chagas hatte damals
sogar Angst, man würde sie alle verklagen wegen Vorspiegelung falscher
Tatsachen.
Die Niederschrift der Noten besorgt übrigens die Bassistin Clara Bastos
von den Orquídeas. Und als Autoren sind vorgesehen: Luiz Tatit, von
der Grupo Rumo, der als Professor für Literaturwissenschaft Itamars
Kompositionstechnik beleuchten wird; Alice Ruiz, Partnerin Itamars in
Milágrimas, die eine poetische Analyse des Werkes anstellen
wird; außerdem die Literturprofessorin Maria Bethânia Amoroso,
die Leben und Werk des Quichotte aus der "Paulicéia Desvairada"
betrachtet. Auch Freunde wie etwa Tom Zé, Luiz Melodia oder Zélia
Duncan, die Mitglieder der Banda Isca und der Orquídeas werden das
Wort ergreifen sowie weitere Elemente der Fauna São Paulos und
Brasiliens.
Itamar Assumpção hatte den Ruf eines schwierigen Menschen,
und er war es tatsächlich, und zwar in dem Maße wie er auch kreativ
war. Doch die Menschen, die über längere Zeiträume mit ihm
zusammen arbeiteten, behalten auch Momente der Verzückung über
den großen Künstler, der er war, in Erinnerung. Luiz Chagas
ist einer, der vortrefflich über dieses Thema dozieren kann: "Das Bild,
das Itamar für viele abgab, war, dass er keine Manieren hatte. Ich habe
mehr als zwanzig Jahre mit ihm gearbeitet und kann ein Lied davon singen,
wie ungenießbar er war, aber auch wie herzlich er sein konnte. Er war
herzlich zu seiner Familie". Und, erzählt Chagas weiter: "Einmal haben
wir ein Konzert gegeben und ein Journalist kam, um mich zu interviewen, und
ich sagte, dass mit Itamar zu spielen nicht anders war als mit Jimi Hendrix
zu spielen oder mit Miles Davis. Um ein für alle Mal mit dem Mythos
des cholerischen Itamar aufzuräumen, frag doch einfach mal die Musiker,
ob sie je Grund zur Klage hatten. Frag sie doch, ob Itamar sie jemals um
ihre Gage betrogen hat, ob er jemanden abgekanzelt hat oder jemandem die
Frau ausgespannt hat. So etwas gab es einfach nicht!"
Wer je das Glück hatte, den Erfinder des Beleléu auf einer
Bühne zu erleben, wird nie dessen Präsenz vergessen, mit seinen
Texten, dieser Band aus lauter Kobolden, diesem in keine Schublade passenden
Sound. Sein Verhältnis zu den Musikern war von
größtmöglicher Freiheit geprägt. "Er ließ die
Jungs machen und setzte einfach noch eins drauf. Die Kerle beschwerten sich
vielleicht, dass das Geld nicht reichte, aber nie, weil sie unzufrieden damit
gewesen wären, mit ihm gespielt zu haben", behauptet Luiz Chagas. Tati
hingegen war überzeugt, Itamar würde alle Improvisationen genau
einstudieren, so exakt war die Band auf ihn eingestimmt.
Deutschland ist übrigens ein eigenes Kapitel in der Geschichte Itamars.
Hier sind zwei seiner Alben erschienen, und hier konnte er mehrmals eine
ganze Reihe von Konzerte geben. Und hier erzählt man sich auch einiges
über Itamars audio-visuelles Repertoire. Der Journalist Rainer Skibb,
hauptverantwortlich dafür, dass Itamar hierzulande überhaupt bekannt
wurde, besitzt noch unveröffentlichtes Material, das er seinerzeit
für einen Fernsehsehsender produzierte. Wahrscheinlich auch
interessant für ein zu schaffende Itamar-Archiv.
An hervorragendem Material immerhin mangelt es nicht.
Felipe Tadeu
Brasilkult@aol.com
Übersetzung: Michael Kegler |