Interview mit Silvio Essinger, dem Autor des Buches
Batidão - Uma História do Funk (292 Seiten, Editora Record,
2005)
Felipe Tadeu - Im Klappentext zu deinem Buch steht: «ein Buch
für Leute, die keinen Funk mögen». Ist der Funk Carioca
trotz seiner zunehmenden Popularität immer noch tabu?
Silvio Essinger- Ja klar, viele Leute meinen immer noch, das sei Musik
minderere Qualität, Gangster-Musik, krudes Zeug. Trotz seiner
offensichtlichen kulturellen Legitimität es ist
schließlich brasilianische Musik begegnet der Funk immer noch
einer ganzen Reihe von Vorurteilen. Umso mehr, als die Musik bei den großen
Plattenfirmen keine große Rolle spielt, de natürlich nur Gruppen
nehmen, die landesweit erfolgreich sind. Wenn eine Gruppe wie Bonde do
Tigrão es bis zur Sony schafft, ist das die Spitze eines ganzen
Eisberges. Da gibt noch viel viel mehr Leute, die nicht sichtbar werden
FT- Wie bist du zum Funk Carioca gekommen? Was war die erste Schallplatte,
de du gekauft hast, und wann?
SE- Die erste Platte habe ich nicht gekauft, ich habe sie bekommen, 1994,
als ich in Rio für die Tribuna da Imprensa arbeitete. Das war
Funk Brasil von DJ Marlboro, und damals hatte ich schon eine
gewisse Sympathie for den Funk, habe ihn aber nicht besonders ernst genommen.
Auf der CD war ein sehr gutes Stück, der «Rap do Surfista»
von Geração, einer Gruppe, die es nicht mehr gibt und
von der zwei Leute Polizisten geworden sind. Komischerweise ist das nicht
unüblich im Funk. Wenn eine Gruppe nicht mehr läuft, wird der eine
religiös, ein anderer geht zur Polizei, oder er wird Drogenhändler.
Da Funk keine besonders sichere Berufsperspektive ist, spielen sich da immer
wieder wahre Tragödien ab, wie zum Beispiel die des Duos Márcio
e Goró, die es sogar zu einer gewissen Bekanntheit gebracht haben.
Als ihr Ding nicht mehr so lief, hat sich Goró sich umgebracht mit
einem Schuss durchs Ohr und vor den Augen seines Vaters.
Aber zurück zur Platte von Marlboro. Da war ein Stück von
Geração drauf, der das Leben eines Surfers aus der reichen
Zona Sul von Rio, der sich am Strand einen Sonnenbrand holt in Beziehung
setzt zu dem Leben eines S-Bahn-Surfers aus den Norden von Rio, der an einem
Hochspannungskabel verbrennt. (In den ärmeren Vierteln von Rio de Janeiro
fahren viele Jugendliche auf den S-Bahn-Dächern mit, nicht nur des
Nervenkitzels wegen sonder auch um die teuer Fahrkarte zu sparen). Der reiche
Surfer nimmt zum Frühstück erst einmal Papaya zum Kaffe, während
der andere, wenn er Glück hat, ein Stück Brot hat. Diese Vergleiche
haben mich aufhorchen lassen. Der Funk Carioca war also keine dieser
Verballhornungen eines Miles-Davis-Sounds, wie ich bis dahin angenommen hatte.
Es war etwas Originales daran.
Im Jahr darauf kam «Rap da Felicidade»von Cidinho e Doca,
das zu einer Art Hymne von Rio de Janeiro wurde. Später begann ich Platten
an Zeitungskiosken zu kaufen, so etwas bekamst du nicht in normalen
Plattenläden, nur am Kiosk, oder auf dem «Camelódromo»
den Märkten der fliegenden Händler (Camelôs). Nach und nach
wuchs so meine kleine Sammlumg.
FT- Und was war die erste CD?
SE- Ich glaube, das war von Furacão 2000, oder von
Pipo's, so um 1997 oder 98 herum. Auf einem «baile funk»
war ich übrignes erst nachdem ich den Vertrag für das Buch
unterschrieben hatte, 1998.
FT- Eines der interessantesten Kapitel deines Buches ist das über
die Bewegung «Black Rio» in den Siebzigerjahren. Du bist in der
weniger begüterten Zona Norte aufgewachsen. Welche Erinnerungen hast
du an diese Zeit? Hattest du als Junge aus der weißen Mittelschicht
irgend ein musikalisches Idol mit schwarzer Hautfarbe?
SE- Ich bin 1970 geboren und habe diese Zeit nicht besonders mitbekommen.
Ich erinnere mich gut an die Transparente, mit den Tanzveranstaltungen
ankündigt wurden . «Damen gratis» stand da immer drauf.
Später lernte ich die Combo von Gerson King (eine Art
brasilianischen James Brown) kennen. Was sich mir aber stärker
eingeprägt hat, war diese Athmosphäre der «bailes», auch
wenn ich selbst nie einen besucht habe. Ich lebte damals in der Nähe
des «Melo Tênis Clube» in der Vila da Penha, dort gab es
immer ein paar Feste, aber die Musik selbst hat in mir nichts ausgelöst.
Die Namen waren suggestiv: Gerson King Combo, Cashbox. Die früheste
Erinnerung, die ich an den Funk habe ist, das ich, dann schon in der Zona
Sul, im Fernsehen «Som na Caixa» gesehen habe, so eine Art offizielles
Programm der Soundsystems von Rio de Janeiro".
FT- Und Tony Tornado, einen der Pioniere der schwarzen Szene
Rios?
SE- Den habe ich erst kennen gelernt, als er Schauspieler geworden war. Ich
habe erst erfahren, dass er mal Musiker gewesen war, als ich las, dass er
von der Bühne gefallen war, auf einen Zuschauer drauf, der daraufhin
gelähmt wurde. Dann erst habe ich herausgefunden, dass er eine
Größe der Black Music Brasiliens war. Ich habe versucht, ihn für
das Buch zu interviewen, er hat aber nie geantwortet.
FT- Die Platte der Gerson King Combo ist wirklich sehr gut.
SE- Ja! Das ist sehr gut gemachte black music made in Brazil. Aber
zurück zu den Transparenten, die die Tanzveranstaltungen ankündigten.
Das funktioniert so bis heute, denn Funk-Veranstaltungen stehen nie in den
Zeitungen. Man bekommt das nur mit, wenn man in der Nähe des Morro Dona
Marta (im Stadtteil Botafogo) vorbeikommt oder am Eingang zur Rocinha, der
mit 300.000 Einwohnern größten Favela Lateinamerkas, oder im Osten
an der Cidade de Deus. Ich habe diese Gegenden alle per Bus, per Anhalter
oder mit Sammeltaxis (die in Gegenden fahren, wo der Bus nicht hinkommt)
abgeklappert. Das Buch hat auch dazu beigetragen, dass ich meine Stadt besser
kennen lernte.
FT- Samba und Funk Carioca sind große Aushängeschilder der
brasilianischen Städte. Bist du auch der Meinung, dass der Funk der
jungen Generation näher steht, auch wegen seiner technologischen
Neuereungen?
SE- Ja, aber auch, weil er keine Tradition zu verteidigen hat. Der Funk Carioca
ist gerade einmal 15 Jahre alt, und selbst wenn man bereits von einer "alten
Garde" spricht, wer sind denn diese Veteranen? Das sind Typen, die noch keine
30 Jahre alt sind. und weil es keine Tradition gibt, die es zu verteidigen
gilt, ist die Musik frei. jeder macht damit, was er will. Du kannst Texte
über dein Handy machen, über Bikinis, über die Protagonistinn
des Big Brother Brasil, die «We are the World» in total falschem
Englisch singt, und daraus einen neuen Funk machen. Du kannst auch über
Waffen singen, oder einen Funk-Gospel. Da ist ein komplett freies Feld für
jede Innovation.
FT- Beeindruckend ist auch, dass beim Funk die Bühne auch dem Publikum
offen steht, jeder kann hinaufsteigen, wenn er was zu singen hat. Und wenn
er Glück hat, singt das ein paar Tage später die ganze
Meute.
SE- In der traditionellen Musikszene tauchen niemals so viele neue Leute
in so kurzer Zeit auf wie im Funk. Ich habe mein Buch im Oktober vergangenen
Jahres fertiggestellt. Bis es in die Läden kam, war wieder so viel Neues
passiert, dass man locker ein ganzes neues Kapitel hätte anfügen
können. Im Moment ist ein MC aus Madureira der große Renner, ein
ehemaliger Sambista namens Colibri.
FT- Die Verfolgung der «bailes» ist ein Zeichen für die
Intoleranz der brasilianischen Gesellschaft gegenüber dieser Form von
kulturellem Ausdruck der ärmeren Schichten. Weißt du, ob jemals
jemand aus dem Umfeld des Funk die Medien oder jemanden aus den Behörden
wegen rassistischer Diskriminierung angezeigt hätte?
SE- Nein. Denn auch wenn es Leute wie DJ Marlboro oder DJ Catra gibt, die
das anklagen, glaube ich nicht, dass die Reperssion gegenüber dem Funk
rassistischen Ursprungs ist. Es geht gegen die Armen im Allgemeinen, das
ist ein Klassenproblem, denn im Funk kommen alle Hautfarben vor. Es gibt
eine Mehrheit von Schwarzen auf der Szene, aber es gibt auch viele Weiße,
Nordestinos zumeist. Der Funk ist ein Beweis unserer Vielfalt der Hautfarben,
und es ist die Musik in Brasilien, die das Problem sexueller Identität
am besten diskutiert. Du hast hier Männer mit ihrem Macho-Gehabe, Frauen,
die in gleicher Tonlage antworten und Schwule und Lesben, die ebenso
mitmischen. Namen wie Lacraia oder Garota X stehen dafür.
Das Problem der Diskriminierung des Funk, rührt auch daher, dass die
«bailes» irgendwann zu Schlachtfeldern wurden, zu den so
genannen «bailes de corredor», wo gangs aufeinander eingedroschen
haben. Die Regierung und das Gesetz haben reagiert , weil sie diese
Schlachtfelder beseitigen wollten. Das war keine Diskriminierung des Funk.
Die Feste waren aus dem Ruder gelaufen, und es hatte Tote gegeben. Da musste
etwas getan werden. Danach ist der Funk wieder in die Favelas zurückgekehrt
und ist neu aufgeblüht.
FT- Bist du eigentlich bei den Recherchen jemals mit den Drogenkartellen
in Konflikt gekommen?
SE- Nein. Ich ging in die Favelas, sah die bewaffneten Leute, die Dealer,
aber das hat meine Arbeit nie beeinträchtigt. Ich wollte über Funk
sprechen und wurde von den MCs begleitet, die ich interviewen wollte. Es
war klar, dass ich dort nicht wohnte. Manchmal hatte ich sogar einen Gringo
dabei (lacht).
FT- Du erwähnst Fernanda Abreu als Botschafterin des Funk Carioca.
Wird sie tatsächlich angenommen, wenn sie auf einem echten
«Baile» in einer Vorstadt von Rio de Janeiro auftritt?
SE- Ich habe sie nie auf der Bühne eines solchen «Baile» geehen,
aber sie hat gute Beziehungen zu DJ Marlboro und ist in ganz Rio sehr
populär. Sie wird nicht als «funkeira» angesehen, wohl aber
als eine, die «in Ordnung» ist. Sie wird niemals so tun, als sei
sie aus der Favela, aber sie hat auf dem Rock in Rio Funk gespielt und auf
ihrer ersten Platte von 1990 war Marlboro dabei. Man kommt nicht daran vorbei,
dass sie eine Botschafterin des Funk Carioca ist. Vielleicht würde sie
nicht einmal gut ankommen auf einer Funk-Bühne, aber irgendwie ist sie
das Mädel, das die Dinge in die Zona Sul hinunterträgt.
FT- Wer ist eigentlich der beste Texter im funk carioca?
SE- Der Catra.
FT- Und der beste Arrangeur und der beste Sänger??
SE- Was die Arrengeure angeht, müssen wir ja eher von Programmierern
sprechen. Heutzutage musst du von einem Funk-Kollektiv ausgehen. Die
interessantesten Dinge im Funk Carioca werden von Kollektiven gamacht. Der
beste Sänger oder besser, die beste Sängerin ist Dayse da
Injeção. Sie ist auch neu und darum ebenfalls noch nicht
in meinem Buch. Sie ist ein neues Talent aus der Cidade de Deus. Sie ist
nicht einmal so besonders jung, war schon bei Tati Quebra-Barraco
dabei, aber jetzt startet sie selbst durch. Sie singt gut, eine Ausnahme
in der Welt der MC's, wo normalerweise eher gebrüllt wird.
FT- Siehst du Parallelen zwischen dem Funk und der Axé
Music?
SE- Das erotische, pornographische Element kommt aus dem Axé. Der
Funk integriert viele andere Stile indem er sich ihnen annähert.
FT- Vor Batidão - Uma História do Funk hast du über
Punk geschrieben (Punk - Anarquia Planetária e a Cena Brasileira,
Editora 34). Haben Funk und Punk etwas gemeinsam?
SE- Die Idee des «do it yourself». Der Ausgangspunkt des Punk ist
«lasst uns alle Regeln abschaffen». Und auch der Funk aus Rio hat
mit Regeln nicht viel am Hut.
FT- Und wie ist das Überschwappen des Funk nach Capão Redondo
in São Paulo woraus die Racionais entstanden, die ja heftige
Texte über den sozialen Kollaps Brasilien singen?
SE- Ich weiß nicht einmal ob die Leute in Capão Redondo Funk
hören, aber die Typen von Racionais schon. Ein Freund von mir ist einmal
in deren Bus mitgereist, und sie haben die ganze Zeit Funk Carioca gehört.
So verbissen sie aich scheinen mögen, auch sie haben ihre Momente der
Zerstreuung.
FT- Wenn wir den so genannten "funk consciente" den Funk mit politischen
Inhalten mit den Texten der Racionais vergleichen, ist das, was die
«funkeiros» machen Kinderkram, oder?
SE- Der Rap der Racionais ist eine Art Horrorfilm. Es scheint, die Typen
legen es darauf an, so viele finstere Geschichten wie möglich in die
Musik zu packen. Sie stehen für den irreparablen sozialen Bruch,
stehen mitten im Krieg. Für sie wird kein Friede mehr auf der Welt sein
und São Paulo wird sich niemals mit seiner Peripherie versöhnen..
Der «funk consciente» dagegen hat immer ein Fünkchen Hoffnung
auf dass die Dinge besser werden. Die vierhundert Kilometer zwischen den
beiden Städten Rio und SãoPaulo und ihre jeweiligen Besonderheiten
bringen diese unterschiedliche Sichtweisen zu Tage.
Felipe Tadeu
Brasilkult@aol.com
Übersetzung: Michael Kegler |