Hieß es in einer Besprechung von Die Stadt der Blinden noch, die einzige
Schwäche dieses grandiosen Werks sei vielleicht, dass am Ende die Blinden
das Augenlicht wieder erlangten und der Horror ein Ende fand («ein
Zugeständnis an eine Art von Moral, an so etwas wie Hoffnung»,
Frankfurter Rundschau), lässt sich das für José Saramagos
neuen Roman Die Stadt der Sehenden nicht mehr anführen. In dieser
politischen Parabel über die moralische Zerbrechlichkeit des Menschen
wird der Schrecken einer totalitären Staatsanmaßung bis zum bitteren
Ende getrieben.
Das Verhängnis kann immer und überall über uns hereinbrechen.
An einer roten Ampel, vor der wir wie erstarrt verharren, weil wir von einem
auf den anderen Augenblick erblindet sind; kein Grün wird mehr für
uns aufleuchten. Oder an der Wahlurne, an der wir ein demokratisches Recht
in Anspruch nehmen, das Recht, weder Ja noch Nein zu sagen, sondern weiß
zu wählen und über Nacht zum Staatsfeind erklärt
werden.
Genau das passiert in Saramagos namenloser Republik. Zum Offenbarungseid
für das herrschende Regime wird das Votum der Weißwähler,
weil nicht eine verschwindende Minderheit, sondern fast Dreiviertel der
Hauptstadtbevölkerung ihm einen Denkzettel gegeben
haben.
«Verunsicherung, Bestürzung, aber auch Spott und Sarkasmus fegten
über das Land», dessen Stabilität bis dahin auf der akkuraten
Machtbalance von drei Parteien beruhte (Partei der Rechten /PDR, Partei der
Mitte/PDM, Partei der Linken/PDL).
Aber erst die Wiederholung der Wahl löst ein politisches Erdbeben aus:
83 Prozent leere, weiße Stimmzettel. Statt offener Analyse des Fiaskos
und vertrauensbildender Maßnahmen setzen sich die Hardliner in der
Regierung durch. Panzerpatrouillen, Verhöre, Totalzensur, das komplette
Arsenal repressiver Maßnahmen kommt zum Einsatz. Der Ausnahmezustand
wird zum Belagerungszustand radikalisiert, «ehe die Pest und das Verderben
auf den gesunden Teil des Landes übergreifen können»
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