Ins Meer, wohin sonst?
Der in Kalifornien lebende galicische Übersetzer Francis, frisch liiert
mit der irischen Informatikerin Rose, also multikulturell veranlagt und
weltgewandt offen für Neues, bekommt von seinem amerikanischen Verleger
den Auftrag, einen bis dahin völlig unbekannten portugiesischen Autor
ins Englische zu übersetzen, von dem der Verleger gehört haben
will, dass er noch in diesem Jahr den Nobelpreis erhalten werde.
Es handelt sich dabei um einen ältern Herrn mit einer auffälligen
Brille, und das Buch um das es geht, ist die Stadt der Blinden, Saramagos
Ensaio sobre a Cegueira der Versuch über die Blindheit.
Vier Monate Zeit handelt Francis aus, um diesen ihm völlig unbekannten
Autor und sein Werk zu verstehen und zu übersetzen. Seine große
Chance, endlich bekannt zu werden und Autoren übersetzen zu dürfen,
die ihn wirklich interessieren.
Doch kurz zuvor hatte er dieses Gespräch mit seinem Augenarzt, der ihm
eine unheilbare Augenkrankheit attestierte, die innerhalb eines halben Jahres
unweigerlich zur Erblindung führen wird. Saramagos fiktionaler Vesuch
über die Blindheit soll auch zu seinem Meisterwerk, dem Höhepunkt
und schließlich Ende seiner Karriere werden. Ein realer Versuch über
die Blindheit und ein Kampf gegen die gnadenlos verrinnende Zeit.
Das Eintauchen in das Universum Saramagos, die Übersetzung seines Romans,
wird für Francis auch zur erst litararischen, dann tatsächlichen
Rückkehr zu seinen eigenen Wurzeln, von der Westküste Amerikas
an die Westküste Europas: Galicien. Und darüber hinaus.
Denn schließlich kehrt er, an Fernando Pessoas pathetisch-poetische
Pose gemanend, Europa den Rücken, begnügt sich aber nicht mit dem
Blick ins Unendliche, sondern schwimmt hinaus aufs offene Meer. Navegar
é preciso, viver não é preciso
Die Diskette mit der Übersetzung lässt er zurück, wohlgeordnet
und druckfertig für den posthumen Ruhm.
«Erst zögerte Rose, doch dann vertiefte sie sich in Francis' Computer
und löschte alle Verzeichnisse. Nichts sollte übrig bleiben, niemand
sollte ihm seine Arbeit rauben können, das, woran sein Herz gehangen
hatte, sein Projekt, seine Illusionen, alles, was für ihn in den vergangenen
Monaten Lebenszweck gewesen war. Und danach nahm sie die Diskette, die Francis
zur Seite gelegt hatte mit der Anweisung, sie an Martin zu schicken und
löschte auch darauf alle Verzeichnisse. Martin würde bekommen,
was er verdiente, die leeren Verzeichnisse, blind, ohne ein Wort, stumm und
unwiederbringlich verloren ...»
-mk-
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