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As Sílabas Suzana Salles so gut wie
nie
Die Sängerin und Komponistin Suzana Salles aus São Paulo
ist begeisterte Interpretin der magischen Partnerschaft zwischen Bertolt
Brecht & Kurt Weill, den Genies, die in einer der bewegtesten Gegenden
der Welt des zwanzigesten Jahrhunderts auf die Erde kamen: dem Deutschland
der zwei Weltkriege, Epizentrum des ideologisch-kolonialistischen Konflikts
zwischen Russen und Amerikanern. Vier Jahre nachdem sie sich mit Körper
und Seele dem wunderbaren Projekt »Concerto Cabaré« gewidmet
hatte, der zweiten Platte der Künstlerin, die das Wagnis einging, die
Stücke der beiden Deutschen in deren Muttersprache zu singen,
hat Suzana Salles erneut ein Stück von Brecht / Weill aufgenomen: Die
sieben Todsünden, das auf ihrem jüngsten Album »As
Sílabas« veröffentlicht ist, einer Arbeit die erneut das
Gesangstalentalent einer Künstlerin unter Beweis stellt, die sich mit
gutem Gespür für die eigene Note und sich durch musikalischen Recherche
und ästhetischer Ausformung auszeichnet.
»As Sílabas« ist die ausgearbeitetste Solo-Platte der
Künstlerin. Die am besten aufgenommene und die mit den ausgefeiltesten
Arrangements, der sorgfältigsten Produktion und den besten Begleitmusikern.
Wie immer pflegt und hätschelt die Sängerin ihre
außergewöhnlichen stimmlichen Höhen. Natürlich
unterläuft sie damit die Diktate des Marktes, und steht damit treu zur
Idennewelt der so genannten Vanguarda Paulistana um Itamar Assumpção,
Arrigo Barnabé, Tetê Espindola und andere, in deren Umfeld die
musikalische Karriere der Suzana Salles begann. In ihrem neuesten Album gelingt
es der Interpretion, das Herz des urbansten der Zuhörer für
Kompositionen wie »Foi Boto, Sinhá« von Waldemar Henrique
und Antonio Tavernard zu erwärmen mit Interpretationen, die auch
Mário de Andrade oder einen Villa Lobos begeistert hätten.
Auf der genau gegenüberliegenden Seite ihrer musikalischen Bandbreite
besucht Suzana Salles Arnaldo Antunes, mit »Paraíso Eu«,
einem weiteren Highlight der Platte. Ein sinnlicher Reggae, dem die
Sängerin ihre ganze Weiblichkeit einhaucht. Begleitet wird sie hierbei
am Piano von Lincoln Antonio und von Chico Saraiva an der Gitarre (Beide
spielen auch in der kuriosen Gruppe »A Barca«, die im vergangenen
Jahr die CD »Turista Aprendiz« über musikalische Versuche
des »Macunaíma«-Autors Mário de Andrade herausgebracht
hat), der Produzent André Magalhães firmiert an Schlagzeug
und Perkussion, Célia Barros spielt Bass. »Arnaldo Antunes ist
eine starke Antenne für die aktuelle Musik Brasiliens. Unglaublich,
wie der Kerl unteilbar und vielfach zugleich ist, er ist absolut auf dem
Laufenden, was zur Zeit passiert und bringt Vergangenheit und Zukunft in
die Gegenwart« sagt Suzana Sales über ihren Landsmann.
»Paraíso Eu« hat sie sich aus sieben weiteren
unveröffentlichten Stücken von Arnaldo Antunes herausgesucht,
fachkundig beraten von Chico Saraiva, der schließlich auch das Arrangement
des Stücks übernahm.
Ein Gutteil des Repertoires für »As Sílabas« stand
bereits seit Längerem fest: »Xangô« zum Beispiel, ein
Gemeinschaftswerk mit Chico César, war schon 1997 Bestandteil ihrer
Tournee. »Velho Francisco« von Chico Buarque, »La Luna è
Bella« von Suzana Salles und Ná Ozetti und »Foi Boto,
Sinhá« hatte die Künstlerin für diese Platte lange
im Sinn. Und Brecht / Weill konnten auch nicht draußen bleiben:
»Meine Faszination für die beiden ist schon alt, seit ich das erste
Mal »Alabama Song« im Teatro Oficina hörte, irgendwann in
den Siebzigern.« verrät die Sängerin. Es war eine Zeit des
kulturellen Aufbruchs, an den sich Salles mit Freude erinnert. »Ich
war noch jugendlich, und es gab einige hochinteressante musikalische Begegnungen,
bei denen ich in dieser Zeit der wirklich schlimmen Unterdrückung das
Gefühl bekam, dass die Welt größer und schöner war,
als ich mir vorstellen konnte«, erzählt sie. Später erlebte
Suzana Salles ein Musik-Theaterstück über Brecht mit Esther Góes
und Renato Borghi, das sie auch sehr geprägt hat. »Jahre später,
als ich bereits mit Arrigo (Barnabé) und Itamar (Assumpção)
unterwegs war, sah ich Ornitorrinco Brecht und Weill singen; mein damaliger
deutscher Ehemann Felix Wagner spielte Piano; Maria Alice Vergueiro vollbrachte
Unglaubliches auf der Bühne. Es war lustig und ergreifend.« Ihre
Nähe zur deutschen Kultur vertiefte sich, als sie 1986 ein Stipendium
des Goethe-Instituts für einen Deutschkurs in Berlin erhielt.
Ob mit Brecht & Weill in Deutsch, oder Paul Simon in Englisch mit dem
wunderbaren »50 Ways to Leave Your Lover« (warum wird dieser Text
nicht auch, wie die deutschen, im booklet übersetzt?) oder auch einem
der göttlichsten Sambas aus der Feder des Paulinho da Viola, »Para
Ver as Meninas«, Suzana Salles ist eine Interpretin des kristallklaren
Ausdrucks. Wer sie bereits auf der Bühne erleben konnte, kennt ihre
szenische Präsenz und das Charisma, mit dem sie mit dem Publikum in
Dialog tritt. Im Titelstück des Albums tänzelt sie über die
stets spielerischen Verse von Luiz Tatit, eröffnet die Platte mit einer
scherzhaften Note. Dann ist da noch »Certeza é Ilusão«
von Paulo Padilha, die »Valsa dos Olhos Costurados« von Lincoln
Antonio und Marcelo Mota Monteiro die uns sofort weiterführt
zu den wunderbaren Kompositionen von Arrigo Barnabé, ebenfalls im
Walzerrhythmus. Beschlossen wird »As Sílabas« mit
»Helena« von Galvão Frade, einem netten Karnevalsmarsch,
der allerdings gegenüber den anderen elf Stücken etwas aus dem
Rahmen fällt. Vermutlich hat sie sich diesen Scherz erlaubt, weil sie
wußte, dass esdas beste Album ihrer Laufbahn sein würde.
Felipe Tadeu
brasilkult@aol.com
Deutsch von Michael
Kegler
Foto Suzana Salles: Gal Oppido
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Felipe
Tadeu, 39,
ist Journalist und auf brasilianische Musik spezialisiert
und produziert für Radio Darmstadt das Programm Radar Brasil.
Er lebt seit 1991 in Deutschland und ist auch bekannt unter dem Pseudonym
DJ Fila.
email:
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