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Reich werden und wieder nach Hause zurück …

Luiz Ruffato: Ich war in Lissabon und dachte an dich.

Eines der großen Themen der Prosa Luiz Ruffatos, wenn nicht sogar eine Art Grundtenor, ist das »nicht Dazugehören« als Eigenschaft der brasilianischen Gesellschaft, in der alle letztendlich von Migranten oder Verschleppten abstammen, die nie wirklich ankamen, sondern bestenfalls »landeten«. Ruffatos Protagonisten haben zumeist keine Geschichte, keinen »Hintergrund«, keine »Wurzeln«.

Ich war in Lissabon und dachte an dich ist vor diesem Hintergrund fast eine Umkehrung der Blickrichtung: Serginho aus Cataguases beschließt, nachdem ihm Frau, Arbeit und Glück abhanden gekommen sind, aus einer Bierlaune heraus, auszuwandern. Nach Portugal - und natürlich ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass dieses Portugal (wo nach Aussage des Ladenbesitzers, der selbst aus Portugal kam, Milch und Honig fließen würden und jeder anständige, fleißige Mensch es zu etwas bringen könne), möglicherweise das Land seiner Vorfahren ist.

Von Lissabon aus erzählt nun Serginho in zwei Kapiteln, in denen er eigentlich darlegen will, warum er, nachdem er es für einige Jahre lassen konnte, wieder mit dem Rauchen anfing, wie es ihm ergangen ist, seitdem er fast mittellos, ohne Papiere, dafür aber ausgestattet mit einem Übermaß an Naivität, in Lissabon landete. Sein Plan, reich zu werden und schnell wieder nach Hause zu gehen, scheitert nicht nur daran, dass er schon die Kontaktadresse, die man ihm gab, nicht findet, sondern vor allem an all dem, was für »Illegale« in allen Teilen der Welt gilt: Wenn es überhaupt Arbeit gibt, ist sie schlecht bezahlt, dafür ist das Leben am Rand nicht nur unsicher, sondern auch besonders teuer. Sein Abenteuer in Lissabon ist eine moderne Hans-im-Glück-Geschichte, an deren Beginn nicht einmal ein Goldklumpen stand.

Nicht zuletzt passt der Roman als Exkurs gut zu dem großen fünfbändigen Romanzyklus »Vorläufige Hölle«, der den von Binnenmigration geprägten Weg Brasiliens von der Agrargesellschaft in die postindustrielle Zeit beschreibt. In den neunziger Jahren wanderte, wer es sich leisten konnte (und auch mancher, der es sich nicht leisten konnte), nach Europa …

Es ist Ruffato als Autor und Serginhos reizender Naivität zu verdanken, dass das Buch dennoch alles andere als larmoyant ist, sondern im Gegenteil streckenweise recht heiter. Die Hoffnung, das spürt man aus Serginhos ausufernder, sich verästelnder Rede, stirbt wie immer zuletzt. Sozialkritik kann auch gut gelaunt sein.
 

mk, 21.01.2016

 

Luiz Ruffato: Ich war in Lissabon und dachte an dich.Übers.: Michael Kegler. Assoziation A, 2015

Luiz Ruffato:
Ich war in Lissabon und dachte an Dich
Übersetzt von Michael Kegler
Assoziation A, 2015


rezensiert auch von
Wera Reusch auf WDR 3
Kevin Zdiara im Darmstädter Echo
Christiane Quandt auf Culturmag.de
Michi Strausfeld auf Literaturkritik.de


Luiz Ruffato ist im Anschluss an die Litprom-Literaturtage vom 22.Januar bis 3. Februar auf Lese- und Vortragsreise in Deutschland, Österreich und der Schweiz,
Alle Termine HIER


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